Unalakleet nach Nome
So hier geht es weiter mit dem letzten Teil des 2010 Iditarod Rennreport.In Unalakleet gab es für uns Musher sehr gute Schlafplätze, 2 abgeteilte Zimmer mit richtigem Bett. Eine Familie, die Eriksons, haben während des Iditarod´s eine Wohltätigkeitsveranstaltung für Ihren Sohn Logan veranstaltet. Logan ist autistisch und die Familie sammelt Geld für einen „ Service Hund „, der Logan das Leben erleichtern soll. Ich hatte einen von meinen Kalendern gespendet und habe mich gefreut die Eriksons hier persönlich kennen zu lernen, vor allem über den Blaubeerkuchen, den sie mir mitgebracht haben.
Als ich mich wieder zur Abfahrt vorbereitet habe, waren John Baker, Ken Anderson und Mitch Seavey schon längst verschwunden. Es war immer noch sehr windig draußen. Beim Anziehen der Booties bin ich nicht weit gekommen, meine Finger wurden sofort taub. Das ein großer Teil der Stecke aus Unalakleet heraus eh meist auf spiegelglattem Eis ist, entschied ich mich ohne Booties loszufahren, um diese dann später in einer wind geschützten Ecke anzuziehen. Nach ca 1.5 Stunden war es soweit und ich hatte einen guten Rastplatz gefunden. Es war windstill und am Südhang in der Sonne geradezu warm und angenehm. Es lagen nur wenige Zentimeter Schnee. Ein Team hatte hier auch vor uns Rast gemacht. Als ich endlich mit allen Booties fertig war, hatte Maggot ein tiefes Loch gegraben und wollte sich darin einrollen. Natürlich waren seine Booties komplett zerfleddert, als ihm noch einmal einen neuen Satz Schuhe anziehen, und dann nix wie weiter.
Der Lauf in den Blueberry Hills kann sehr anstrengend sein, denn es ist ein stetiges bergauf und ab. An diesem Abend herrschte reger Betrieb auf dem Weg, ein Haase nach dem anderen kam aus den Büschen gesprungen und das hat das Team gewaltig angespornt. Ich musste berghoch kaum mitlaufen. Unten entlang der Küste angekommen, war es windstill. Sehr angenehm, denn dieses Teilstück kann es ebenfalls ziemlich in sich haben. Mit der Windstille kam allerdings auch wieder die Kälte. Die Lichter von Shaktoolik waren in der Ferne deutlich zu sehen. Im letzten Jahr hatte ich hier einen wichtigen Schachzug gemacht, der mir den 2 Platz sicherte. Dieses Jahr konnte ich mich nicht zum Durchfahren durchringen, eine Entscheidung über die ich noch heute, viele Monate später oft nachdenke. Mir ist nicht so ganz klar, warum ich in diesem Rennen nicht so den richtigen „ Biß „ hatte. Die Rast, die eigentlich nur 4 Stunden dauern sollte, aber aus der über 5 Stunden wurden, hatte den Hunden sehr gut getan. Für mich war es nicht einfach einen Schlafplatz zu finden, denn Platz ist in Shaktoolik sehr begrenzt.
Als ich gerade zu meinem Team gehen wollte, kam Gerry Willomitzer in den Checkpunkt und gab an sein Team verloren zu haben. Zuerst dachte ich der macht nen Witz, aber in der Tat war von seinem Team draußen keine Spur, und er war gemeinsam mit Ray Redington und dessem Gespann in den Checkpunkt gekommen. Dank der Hilfe von Tyrell Seavey, einer snowmachine und GPS konnte er das Team später aber wieder sich in den Checkpunkt zurück bringen. Einer der Offiziellen hat mich noch kurz vor der Abfahrt informiert, dass der Trail dieses Jahr mehr Richtung Westen geht und ca 11 Meilen länger ist. Das war gut zu wissen, denn sonst hätte ich unterwegs bestimmt so einiges an Zweifeln gehabt, ob ich auf der richtigen Spur bin. Der Lauf nach Koyuk war ruhig, das Team lief angenehm und gleichmäßig, ich bekam keinen anderen Musher zu Gesicht und von den Flugzeugen und Hubschraubern, die die Führungsgruppe umgibt war auch weit und breit nichts zusehen.
Um kurz nach halb eins kamen wir in Koyuk an. Zu meiner Überraschung waren hier einige Teams, die ich schon eine Weile nicht mehr gesehen hatte. Ken Anderson war allerdings kurz bevor ich in den Checkpunkt kam schon wieder losgefahren. Ken hatte einen sehr guten und starken Lauf entlang der Küste, wenn man bedenkt dass ich in Nulato noch vor ihm war, so auch Ramey Smyth, der mittlerweile einige Stunden vor mir war. .
Meine Hunde waren wieder in einem guten Rhythmus und konnten während der warmen Mittagstemperaturen rasten. Sissy Admans und meine Iditarriderin Anita Danielson waren auch hier. Es ist schön unterwegs ein paar bekannte Gesichter zu sehen, allerdings bleibt zum Erzählen nicht viel Zeit. Nach nur 4 Stunden ging es wieder auf die vorletzte Etappe. Die Tageszeit war ideal, meine Klamotten waren wieder trocken , die Mahlzeit für die Hunde sicher im Schlitten verstaut. Der Weg verlief anders als in den vergangenen Jahren über Land, und dort lag so gut wie kein Schnee. Das Ganze war eine recht holperige Angelegenheit für 2 Stunden. Durch die vielen ( viel ist relativ ) Rastpausen in den letzten Checkpunkten lief das Team sehr gut und wir waren schon nach 6 Stunden und 25 Minuten in Elim. Der Lauf entlang Moses Point war wunderschön, vor allem ohne Wind. Wieder war ich alleine unterwegs und habe unterwegs kein anderes Team gesehen.
Zu meinem Erstauen war Mitch Seavey noch in Elim. Ich habe mich dort nicht lange aufgehalten, nur schnell etwas Wasser bunkern, einige Booties wechseln und weiter ging es Richtung White Mountain. Während der kurzen Pause haben die Tierärzte mein Team untersucht, und es gab keine Beanstandungen. Mit dem Kommentar „ nice looking team „ und einem „ smily face „ als Eintrag im Vetbook war ich sehr zufrieden.
Wie immer im Leben, manchmal verliert man, ein anderes mal gewinnt man. Auf diesem Lauf sollten wir gewinnen, denn nicht nur war der Trail extrem gut und schnell, wir konnten auch ca 10 Meilen sparen, in dem wir direkt auf dem Eis entlang der Küste fuhren, damit hatten wir die 11 Meilen Umweg nach Koyuk wieder zurück bekommen. Es war dunkel und ich konnte den langen Anstieg zum Little Mackinely nicht sehen, und bevor ich mich versah, waren wir oben angekommen. Ich musste keinen Fuss auf den Boden setzen. Zur Belohnung gab es oben auf dem Gipfel eine reichhaltige Mahlzeit für die Bande. Von hier sind es noch ca 4 Stunden nach White Mountain, diese 4 Stunden lagen allerdings wieder zur ungünstigsten Tageszeit und ich hatte meine Mühe wach zu bleiben. Selbst ACDC im Ohr hat nicht viel geholfen. Kurz vor Golovin habe ich Finn wieder als Leithund eingespannt, denn ich wollte ohne Umwege durch den Ort kommen. Zu einer normalen Tageszeit gibt es hier so einiges an Ablenkungen, aber mitten in der Nacht war keine Menschenseele zu sehen. Nur hier und dort konnte man einen Haushund bellen hören.
Finn war auch wieder mein Hauptleithund dieses Jahr. Überraschend war Scruggs hinzugekommen. Beide Hunde sind etwas scheuer, lassen sich dadurch aber nicht sehr leicht ablenken. Skunk hingegen war als Leithund das gesamte Rennen hindurch mehr als unbrauchbar. Ich befürchte diese kleine Prinzessin etwas zu sehr verwöhnt zu haben.
Ich war froh um 6 Uhr in White Mountain anzukommen. Der gesamte Lauf von Koyuk waren 13.5 Stunden, das war gar nicht schlecht, dafür habe ich auch schon mal 15 Stunden gebraucht. Während der 13.5 Stunden haben die Hunde 2 volle Mahlzeiten und einen Sack Rinderfett gefressen. Kein Wunder, dass alle immer noch sehr gutes Gewicht hatten. Trotzdem waren sie im Checkpunkt bei der Fütterung gleich zu Stelle. Pferdefleisch und Trockenfutter standen auf dem Menü. Die Fettrationen konnte ich etwas kürzen, da es spürbar wärmer, ca minus 25 Grad, draußen wurde. Wieder habe ich das Team mit meinem Sammelsurium an Fleece Decken eingebettet bevor auch ich mich hinlegen konnte. Der Nachteil an einer langen 8 Stunden Pflichtpause ist, dass die Hunde nach einiger Zeit alle einmal aufstehen, pinkeln und sich wieder hinlegen. Zum Glück war es draußen warm und sonnig als ich um kurz nach 13 Uhr wieder zu den Hunden kamen. Die meisten lagen ausgestreckt in der Sonne, nur Skunk hatte sich nicht gerührt und lag noch immer unter ihrer Decke. Das erinnert mich an zuhause. Skunk schafft es ohne weiteres einen ganzen Tag und Nacht auf dem Sofa zu liegen, ohne einmal pinkeln zu müssen. Hauptsache sie kann drinnen liegen.
Ich entschied mich den Hunden keine 2 Mahlzeit zu geben, und diese stattdessen im Schlitten mitzunehmen. Auch habe ich meine Ausrüstung so wie sie war im Schlitten gelassen. Was so lange mit mir gereist war, konnte die letzten 77 Meilen auch dabei bleiben. Um Gewicht musste ich mir mit 13 Hunden keine Sorgen machen. Auch war das Team komplett verletzungsfrei, so war ich mir ziemlich sicher niemand einladen zu müssen. Es war so warm, dass ich zum ersten Mal seit der 24 Stunden Pause in Takotna alle Fuchsschwänze und Hundedecken abnehmen konnte. Lieber auf Nummer sicher gehen, man weiß nie, und so habe ich auch diese noch in den Schlitten geladen., damit war der fast so voll wie zu Beginn des Rennens.
Nach weniger als 2 Stunden hatte ich Hugh eingeholt, er war im Schritttempo unterwegs. Wie erwartet war von Ramey keine Spur. Ramey ist extrem fit und bekannt dafür, dass er lange Strecken in Turnschuhen hinter dem Schlitten her läuft. Dieser Lauf war einer der angenehmsten des gesamten Rennens. Sonnig, fast windstill und vor allem mit minus 5 Grad geradezu angenehm warm. In den Hügeln Richtung Topkok lag weniger Schnee dieses Jahr, damit gab es weniger „ sidehill „ und ich saß meist auf meinem Sitz und genoss die fantastische Landschaft. Plötzlich stand das Team still, und Inuk hat sich fragend zu mir umgedreht. Vor ihm, der erste Overflow des Rennens nur wenige Zentimeter tief. Das kann wohl nicht wahr sein. Inuuuuuukkkkkkkkk mach das Du________ ( wie ich ihn benannt habe wiederhole ich hier besser nicht ) auf die andere Seite kommst. Na gut..... wenn es denn sein muß, recht lustlos ist er ins Wasser gestapft. Mitten drin habe ich kurz angehalten, damit alle Hunde etwas trinken konnten.
Ich konnte mir auf dem Lauf Zeit lassen. Ich hatte keine Bedenken, dass mich jemand von hinten einholt und die weiteren Teams vor mir waren auch außer Reichweite. So ließ ich meinen Gedanken freien Lauf. Auch wenn wir nicht auf dem erhofften Platz waren, war ich sehr zufrienden mit dem Rennen. Der Winter war wie immer eine Herausforderung. Mein Doghandler Matt war eine große Hilfe, ohne ihn wäre ich mit Sicherheit nicht an den Start gekommen. Die geliehenen Hunde hatten sich gut im Team integriert. Mir gefällt es sehr gut mit erwachsenen, schon reifen Hunden zu arbeiten, anstatt Puppies von Null auf zu trainieren. Wie würde es von hier an weiter gehen. Eigentlich sollte dieses mein letztes 1000 Meilen Rennen sein. So ganz kann ich mich mit dem Gedanken nicht abfinden. Ein Leben ohne Hunde ist unvorstellbar und das Yukon Quest und Iditarod wurden in den letzten Jahren zu meinem Lebensinhalt. Allerdings sind die finanziellen Belastungen enorm und auch den dauernden Vorbereitungsstress werde ich bestimmt nicht vermissen. Aber den Trail, die vielen Freunde entlang der Route, diese fantastische Landschaft und vor allem ohne die grenzenlose Treue der Hunde, ob ich davon loslassen kann, da bin ich mir nicht sicher.
In Safety nahm ich mir Zeit alle Hunde gut anzuschauen und ihnen noch einen weiteren Snack zu geben. Der ist besser im Magen der Hunde aufgehoben, anstatt im Schlitten mit nach Nome zu fahren. In Safety waren einige Gäste, die schon so einige Bier intus hatten, und ich musste schwer aufpassen, dass die beim Fotografieren mir nicht ins Gespann fallen. Der Trail war auch hier etwas verkürzt und ging direkt zum Cape Nome Hügel, anstatt den üblichen Umweg in Richtung Küste zu machen. Es war kurz nach 21 Uhr , die Sonne ging gerade unter. Einen schöneren Sonnenuntergang konnte es fast nicht geben. Da Scruggs das ganze Rennen über so gut gelaufen ist, habe ich ihn wieder als Leithund vorne eingespannt, damit er die Ehre hat, auch als Leithund über die Zielline zu laufen.
13 wirklich gut aussehende Hunde haben mich um 23.39 über die Zielline gefüht, in 9 tagen 8 stunden und 39 Minuten, auf dem 7. Platz. Scruggs und Finn waren die Leithunde, gefolgt von Austin, Inuk, Diesel, Grisman, Solo, Solomon, Coyote, Skunk, Saffron, Cougar und Maggot. Während es für Austin das 11 Tausend Meilen Rennen seines Lebens war, war es für Maggot das erste Rennen. Ich könnte noch ewig über die Hunde weiter schwärmen. Ihr Leistung und Loyalität fasziniert mich immer wieder. Ich bin todmüde und habe 1000 Meilen auf dem Schlitten gestanden ( na gut 900 Meilen gesessen, 100 gestanden ) und die Hunde haben 1000 Meilen unaufhörlich gezogen. 1000 Meilen wie viele Hundeschritte das wohl sind?
Mein Dank gilt nicht nur meinen Hunden, sondern auch meinen Helfern, vor allem Matt. Bonnie und Jim in Anchorage haben uns wieder ein Zuhause in Anchorage gegeben, sowie Chris und Jim in Nome. Auch meiner Familie in Deutschland gilt mein Dank, leider konnten weder mein Vater noch mein Bruder dieses Jahr in Nome sein. Eigentlich müsste ich alleine deshalb noch einmal mitmachen, um dass schöne Erlebnis vom Vorjahr zu wiederholen.
Der krönende Abschluß war der Alaska Airlines Leonhard Seppala Humanitarin Award der mir auf dem Abschlußbanquet verliehen wurde. Damit war eines meiner Ziele, ein wirklich gut aussehendes Team nach Nome zu bringen erreicht worden. Es war ein langer Weg hier hin. Mein erster 1000 Meiler Versuch in 1999 beim Yukon Quest war eine echte Katastrophe. Vom Versorgen der Hunde hatte ich so gut wie keine Ahnung. Ich wusste zu dem Zeitpunkt gar nicht wie wenig ich wusste. Eigentlich war das Yukon Quest 2004 nur dazu gedacht, dass Rennen einmal zu beenden und dann im Tourismus weiter zu arbeiten. Diese Sichtweise sollte sich jedoch im Sommer 2005 ändern und ich habe die letzten 5 Jahre meines Lebens zu mehr oder weniger 100% dem Yukon Quest und Iditarod verschrieben, Es waren die bisher 5 schönsten Jahre meines Lebens, aber auch die 5 anstrengensten Jahre. Selbst jetzt, im Juni, wo ich diese Zeilen schreibe, weiß ich immer noch nicht wie es weiter gehen soll. Ich fühle mich wie ein Drogensüchtiger, der von der Sucht nicht los lassen will.Sab
