Weichei und Weihnachten
Herzliche Grüße aus dem Yukon. Es wird dringend Zeit wieder einmal einen Newsletter zu schreiben. Auf diesem Wege möchte ich Euch ein frohes Weihnachtsfest und alles Gute für 2010 wünschen.
Die vergangenen Wochen vergingen wie im Flug, denn das Renntraining ist in vollem Gang. Bis Mitte November haben wir auf dem ATV oder sogar mit dem Pickup Truck trainiert. Es ist zwar ganz angenehm im warmen Fahrzeug zu sitzen, dabei Musik zu hören, aber diese Vorzüge verblassen nach einigen Stunden. Denn noch konnten wir schon vor Mitte November die ersten 12-stündigen Nonstop-Läufe auf diese Weise absolvieren. Mein weißer Ford F350, hat sich dabei satte 50 Liter Benzin auf 100 km genehmigt, schon von daher macht Training in diesem Stil keinen Spaß mehr. Ab dem 16. November standen wir dann auf dem Schlitten, allerdings auch hier nicht ohne Preis, denn nur die Canol Road hatte um diese Jahrzeit ausreichend Schnee um lange Läufe zu machen. Das bedeutet, dass wir alle 26 Hunde verladen, 180 km fahren, alles wieder auslanden und dann mit dem Training beginnen. Zum Glück habe ich einen großen Hänger, wo die Schlitten schon vorgepackt drinnen stehen. Mittlerweile ist es Mitte Dezember und wir haben 6 lange Trips auf der Canol Road hinter uns. Das Training verlief bisher ideal, die Temperaturen waren gnädig und haben meist zwischen minus 5 und minus 20 Grad gependelt. Das Interessante an der Canol Road ist, dass dort so ziemlich alle anderen Yukon-Musher, die auch Langdistanz fahren, trainieren. Auf einem Lauf habe ich 12 andere Gespanne gezählt. Das ist nicht nur gut, um das Vorbeifahren an anderen Teams zu üben, das Überholen, bzw. in meinem Fall überholt zu werden, sondern die Hunde werden auch allen möglichen Viren ausgesetzt. Zeitgleich bekomme ich einen guten Überblick, wie die anderen Teams fahren. Wie in den vergangenen 2 Jahren fahre ich nicht nur deutlich langsamer, sondern vor allem deutlich längere Distanzen.
Gerry Willomitzer hat mir seine „neue Freundin, the big Yellow Lady" (Scandic Super wide track snowmachine) ausgeliehen, so dass ich den Trail von Ross River in Richtung Johnsons Crossing verbinden konnte. Damit sind jetzt 215 km One way-Trail offen. Der letzte Lauf waren demzufolge 3 Läufe à jeweils 12 Stunden, unterbrochen von 8 - 10 Stunden Pausen. Das war ein Vorgeschmack auf die Rennen. Zum Glück hat mir Mark (Quest letztes Jahr) viele Hörbücher auf meinen iPod gespielt. Ich bin gerade bei meinem 4. Harry Potter Buch ... und zugegebenermaßen ... süchtig danach, kann kaum erwarten wie die Geschichte weiter geht. Ohne Hörbücher wären diese langen Läufe unerträglich langweilig.
Im September habe ich mit 24 Hunden im Training begonnen, dann Anfang Oktober noch 2 weitere Hunde von meinem Freund Martin Jahr hinzugefügt. Mein Team setzt sich aus Hunden von 5 verschiedenen Mushern zusammen, ein bunter Haufen. Aber der Haufen gefällt mir. Nach 2 330 Meilen (3 700 km) sind noch alle 26 Hunde im Training dabei, ohne jegliche Ausfälle. Bis zum letzten Lauf hatten wir auch noch keinerlei Verletzungen, keine Gelenkprobleme, keine Schultern, nichts an den Füßen. Kaum habe ich mich dazu verleiten lassen, einen Lauf mal etwas schneller zu fahren, schon durfte ich Nemo mit einer leichten Bizepszerrung für die nächsten 3 Tage massieren. Ich werde bei meiner extrem langsamen Geschwindigkeit bleiben. Dieses ist das beste Team, was ich bisher gefahren habe. Tatsächlich sind wir sogar etwas weiter im Training voran, als letztes Jahr um diese Zeit. So können wir uns für die nächsten Tage auch etwas Ruhe gönnen. Das Thermometer zeigt minus 30 Grad an, und das nachmittags um 15 Uhr. Da bleiben wir lieber zu Hause. Ich bin gerade in die Hütte gekommen, nach einer Stunde „Happy Hour" mit den Hunden, wo alle frei im Gehege herum rennen können. 26 Hunde, 23 Rüden, 3 females. Ich befürchte, ich werde zum Weichei, denn schon nach 1 Stunde war mir saukalt. Vor allem habe ich seit dem letzten Iditarod doch so einige Probleme mit meinen Fingern, die immer wieder einfrieren. Es ist unglaublich interessant, wie sich das Team über die vergangenen Monate geformt hat. So waren am Anfang diese "Happy Hours" nicht immer happy und es gab einige Auseinandersetzungen. Das ist jetzt völlig verschwunden. Der Neidfaktor ist weg, jeder fühlt sich dem Team zugehörig. Oft springen 5 oder 6 Hunde mich zeitgleich über den Haufen. Es haben sich klare Gruppen gebildet, die miteinander spielen. Manche Hunde teilen sich ein Hundehaus. Nach besonders harten Läufen, teilt sich die gesamte Gruppe „Mein Hundehaus", auch hier hat mittlerweile mehr oder weniger jeder Hund seinen Stammplatz gefunden. Platz für mich bleibt dort weder auf der Couch noch auf dem Bett.
Die nächsten Tage werde ich mit Computer-Arbeit verbringen, die Blue Kennels-Webseite muss geändert werden, sobald Hans wieder da ist. Die Zusammenarbeit von Blue Kennels und Sky High ist nach vielen immer wieder währenden Auseinandersetzungen beendet. Die Hunde werden nichts gegen meine Büroarbeit haben, denn wie immer liegen viele in meiner Hütte. Heute haben Maggot, Inuk, Austin, Yonder, Scruggs, Solo, Antelope und Coyote das Vergnügen. Ihr werdet bei den kurzen Mitteldistanz-Rennen vergeblich nach meinem Namen suchen. Das erste Rennen, das Sheep Mountain ist eh wegen Schneemangel ausgefallen. 200-Meiler werde ich auch nicht fahren, die sind zu schnell für meine langsame Trainingsmethode. Das Ziel ist Iditarod. Fast alle Rennen haben deutlich weniger Preisgeld als in den vergangenen Jahren. Im Iditarod gibt es 430 000 $ weniger Preisgeld als noch vor 2 Jahren. Das und die Tatsache, dass alle meine Hunde sehr viel Rennerfahrung haben, lassen mich diese Saison etwas konservativer fahren. Bisher habe ich mich zum Denali Double in Februar und Iditarod im März angemeldet. Ob ich mich im Januar noch zum Kusko 300 einschreibe, ist derzeit noch fraglich, denn im Kuskokwim Delta sind die Schneebedingungen derzeit noch recht schlecht. Wenn sich das nicht ändert, dann muss ich mir vielleicht noch mal Gerrys Freundin leihen ... es gibt da noch ein paar hundert Kilometer Trail auf der North Canol Raod ... Wer noch etwas Lust zum Surfen hat: www.Mushing.tv macht Interviews mit Mushern, berichtet von Rennen: Hier ein Interview mit mir: http://mushing.tv/?p=354 oder hier noch eine Reportage vom ZDF "Traumland Kanada - Durch Feuer und Eis". Das waren die News aus dem Yukon, ich wünsche Euch schöne und erholsame Festtage, und hoffentlich hören oder sehen wir einander in 2010. Sebastian
Sab
