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Iditarod Teil 3: Der Sturm

Beim letzten Mal war ich in Grayling mit der Entscheidung beschäftigt, ob ich durchfahre oder nicht -- dem Schachspiel.

Leider habe ich den Bauern und nicht die Dame gezogen, und mich zum Rasten in Grayling entschieden. Das war DER Fehler des Rennens. Genau wie bei der Entscheidung im vorherigen Jahr in Shakoolik anzuhalten, ist diesen Sommer noch nicht ein Tag vergangen, an dem ich mich nicht darüber geärgert habe, in Grayling nicht den entscheidenen Schachzug gemacht zu haben. Da hatte ich den ganzen Winter trainiert, das Team auf lange 16-Stunden-Märsche vorbereitet und hatte dann an der entscheidenden Stelle nicht den Mut. Ich wäre um ca. 23 Uhr aus Grayling herausgefahren, der Lauf temperaturmäßig durch die Nacht ideal gewesen. Gemeinsam mit Lance wäre ich dann gegen 9 Uhr morgens in Eagle Island angekommen. Perfektes Timing für die 8 Stunden Pause ... Leider habe ich die Situation nicht richtig eingeschätzt und habe gemeinsam mit Aaron Burmeister ca. 4,5 Stunden angehalten und das, obwohl wir nur jämmerliche 6,5 Stunden unterwegs waren. Schwerer Fehler ...

Nach dem Versorgen der Hunde kam Aaron zu meinem Schlitten und meinte, er hätte eine tolle Überraschung bekommen. Lance hatte dafür gesorgt, dass ein Teil seines 7-Gänge-Menus für ihn nach Grayling gebracht wurde. Da Aaron kein Fischesser ist, hat er die noble Mahlzeit mit mir geteilt. Wir standen in der Küche des Schulzentrums und haben wechselweise verschiedene Gänge in der Mikrowelle wieder aufgewärmt. Muscheln, Lachs und andere Meeresfrüchte standen auf dem Speisezettel. Ganz klar ein Anreiz nächstes Jahr, als erstes Gespann in Ruby anzukommen. Schlaf gab es in dieser Nacht nur wenig, so war es auch kaum verwunderlich, dass man mich zweimal aufwecken musste. Es ist furchbar nach nur 2 Stunden wieder raus in die Kälte zu müssen.

Noch immer hatte ich 15 Hunde, die allerdings auch der Meinung waren, dass diese Pause nun doch etwas kurz ausfiel. Unmotiviert ging es los, und bevor wir den Trail erreichten, gab es erst mal einen Riesenknoten um einen Laternenpfahl. Aber wie es meist so ist, wenn die Hunde nach dem Start erst mal in die Gänge kommen, läuft es dann recht gut. Scruggs und Grisman waren dieses Mal die Leader. Aaron war kurz nach mir gefolgt, Jeff King lag noch im Tiefschlaf, das ließ uns vermuten, dass er in Grayling seine 8 Stunden Pflichtpause nehmen würde. 3 Stirnlampen konnten wir hinter uns entlang des Yukon Rivers sehen. Eine Stirnlampe erschien nach wenigen Minuten wieder auf den Fluss. Wer sich da wohl zum Durchfahren entschieden hatte? Endlich hatten wir mal einen guten Trail. Der Yukon kann sehr windig und unangehm sein, aber diese Nacht zeigte sich von der angenehmen Seite. Auf dem Ipod lief mittlerweile eine Fiction von Terry Prachet, "The feet of Clay“, die mich gedanklich in eine ganz andere Welt versetzte. Leider sollte der schöne Trail nicht lange anhalten. Wieder einmal kamen von hinten mehrere Schneemobile und hinter ihnen war der Trail komplett aufgewühlt. Das war megafrustrierend. Mir war bewusst, dass meine Geschwindigkeit in den Keller ging. Erst später sollte ich sehen, wie schlimm es wirklich war. Im April hatte ich mir von der Organisation mein GPS-Daten mailen lassen. Dort kann man genau erkennen, dass meine Geschwindigkeit von 4,5 bis 5 Meilen die Stunde gesunken war. Warum die Medien-Leute nicht neben unserem Trail fahren, ist mir wirklich unerklärlich, schon dreimal auf dem Yukon River, wo genug Platz ist. In Eagle Island habe ich dann auch mein Leid dem Checker und dem Rennleider kundgetan. Ich war nicht der einzige Musher, dem es so erging, auch Aaron Burmeister, Mitch Seavy und Hans Gatt haben sich lautstark geäußert. Richtig genützt hat das allerdings nichts, denn kaum war ich wieder aus Eagle Island draußen, ging das Katz- und Maus-Spiel mit den Schneemobilen wieder los.

Eagle Island war dieses Mal auch ein äußerst ungünstiger Rastplatz. Vor dem Rennen wurde uns gesagt, dass sich der Checkpunkt wie in den vergangenen Jahren windgeschützt in einem Seitenarm des Yukons, hinter Eagle Island, befinden würde. Stattdessen lag er völlig dem Wetter ausgesetzt direkt an der Uferbank. Schlimmer noch, er war erst wenige Stunden vor unserem Ankommen angelegt worden. Klar, jetzt können wir uns glücklich schätzen, dass wir überhaupt einen Checkpunkt hatten, aber an Ruhe und Rast war hier nicht zu denken. Pausenlos kamen und gingen Flugzeuge, um die Fooddrops zu bringen. Für eine Weile waren 10 Flieger gleichzeitig da. Helfer schleppten pausenlos Hundefuttersäcke durch den Tiefschnee. Letztendlich war ich froh, hier überhaupt mein Hundefutter zu haben.

Die Landebahn war nur ca. 10 Meter von den Hunden entfernt und beim Starten der kleinen Propeller-Maschinen wird nicht nur extrem viel Schnee aufgewirbelt, auch ist es höllisch laut. Da der Schnee so tief war, sind oft die Flugzeuge auch steckengeblieben und dann nur mit viel Buddelei und wiederholtem Probieren freizubekommen. Die ganze Zeit wurden dabei meine Hunde von aufgewirbelten Schnee zugedeckt, und sind immer wieder vor Schreck aufgesprungen.

Angesichts der Tatsache, dass ich hier 8 Stunden bleiben wollte, bzw. musste, da wir eine vorgeschriebene 8-Stunden-Pause entlang des Yukon Rivers nehmen müssen, war ich nicht gerade gut gelaunt. Es gab lange Diskussionen mit den Checkpoint-Manager und sogar Mark Nordman, der Race-Marshall kam extra eingeflogen. Vor allem da stetig neue Musher kamen, die sich auch über die Situation beschwert haben, wurde dann endlich nach vielen Stunden eine neue Landebahn, weiter entfernt auf dem Fluss von Schneemobilen präpariert. So blieben meinen Hunden wenigsten 4 Stunden vernünftiger Schlaf. In den ganzen 8 Stunden habe ich selbst leider kein Auge zu bekommen. Einige der Musher, die nach mir angekommen waren, und ihre 8-Stunden-Pause schon vorher genommen hatten, konnten von hier schneller verschwinden. Das war nicht nur besser für deren Hunde, sondern hat mich auch einige Plätze nach hinten runtschen lassen.

Als 5. Team ging ich um 20.32 Uhr wieder auf den Trail. Lance, Hugh, Mitch, Jeff waren vor mir unterwegs. Kaum unterwegs wurde auch der Wind stärker. Das wäre auch zu schön gewesen, um wahr zu sein, wenn sich der Yukon nicht doch wieder von seine wahren Seite gezeigt hätte. Der Trail fing an zuzuwehen und wieder einmal waren wir im Kriechgang. Ich konnte Jeff Kings Stirnlampe vor mir sehen, hinter mir waren auch 2 Lichter, wahrscheinlich Aaron Burmeister und John Baker. Die Leithunde auf diesem Lauf waren Nemo und Vasser. Die Schneewehen wurden immer höher und plötzlich fing Vasser sich an hinzusetzen. Das hatte ich so in meinen ganzen Jahren Hundeschlittenfahren noch nicht erlebt. Nemo hat ihn zwar versucht mitzuziehen, aber immer wieder wollte sich Vasser hinsetzen. Normalerweise würde ich ein solches Verhalten nicht zulassen, jedoch schien mir hier nicht die günstigste Stunde zu sein, um Disziplin zu üben. Statt Vasser habe ich Grisman eingespannt. Grisman wollte sich zwar nicht hinsetzen, wie sein Bruder, aber auch seine Zugleine hing schlaff. Das war für mich ein interessanter Moment. Vasser und Grisman kamen beide von Rick Casillo. Beides erfahrene Hunde, die aber erst seit September bei mir waren. In Situationen wie dieser, wo die Bedingungen extrem schlecht werden, zeigt sich dann, dass es einige Zeit dauert, bis die Hunde 100 % Vertrauen fassen. Körperlich wären beide völlig in der Lage gewesen als Leithund zu laufen, aber mental waren sie nicht willens. Kaum waren Grisman und Vasser hinten im Team angespannt, war Ihre Zugleine gespannt. Inuk habe ich in Lead gespannt. Inuk war auch mein Golden Harness-Gewinner im diesjährigen Yukon Quest, genauso wie Nemo. Beide liefen nun wieder unbeeindruckt von den widrigen Bedingungen vorne weg. Inuk ist schon ein lustiger Kollege, eigentlich ein eher gemütlicher Vertreter, der am liebsten auf der Couch oder im Stroh liegt und nix tut. Jedes Mal, wenn ich ihn aufwecke und einspanne, wirft er mir einen Blick zu der eindeutig sagt: "Och Mensch muss das sein, ich schon wieder vorne weg." Aber jedes Mal läuft er dann verlässlich vor sich hin. Er erinnert mich an einen guten Arbeiter, der jederzeit bereit ist seinen Chef zu vertreten, sich aber nie um die Führungsrolle drängt.

Diese Nacht war kalt, 35° minus und windig. Keine angenehme Kombination. Ich musste anhalten, um allen Hunde Decken und Bauchwärmer anzuziehen. Hinter uns im Süden ging der Mond auf, merkwürdig rötlich gefärbt, wahrscheinlich durch den aufgewirbelten Schnee. Diese Nacht hat sich auf jedem Fall tief in meinem Bewusstsein verankert, zumindest einige Momente. Es war wieder einmal eine merkwürdige Kombination von faszinierender Schönheit und zugleich gefährlichen Bedingungen. Ich musste immer wieder dagegen ankämpfen einzuschlafen und vom Schlitten zu fallen. Zum einen versuche ich eh diese Nachtfahrten zu vermeiden, zum anderen wurde ich in Eagle Island um meine 8-Stunden-Pause betrogen. Für solche Müdigkeitsanfälle habe ich "5hr Energy drinks" dabei, aber auch die haben nicht viel genützt. Immer wieder hatte ich die wildesten Halluzinationen. Diese mit Heavy Metal-Musik abzutöten war keine gute Idee, es kam mir so vor, als wenn sich die Halluzies dadurch nur noch verschlimmern.

Um 5.30 hr morgens kamen wir in Kaltag an, immer noch in 5. Position. Die vorausgefahrenen Teams waren auch nicht schneller unterwegs, eher im Gegenteil. Lance hatte hier einige Stunden Pause gemacht, das hatte ich nicht erwartet bzw. als wir uns in Eagle Island unterhalten haben, meinte er, dass er wahrscheinlich durch Kaltag durchfahren würde. Der Lauf hatte 9 Stunden gedauert. Vor 2 Jahren auf der gleichen Strecke brauchte ich 6 Stunden 32 Minuten. Ich fing an hinter meinen gesteckten Zeitplan zu fallen, aber das ließ sich bei diesen Bedingungen schlecht ändern. Wie im vergangenen Jahr hatte ich geplant durch Kaltag durchzufahren. Die freundliche Checkerin schien dieses aber für einen schlechten Witz zu halten und wies mehrfach die freiwilligen Helfer an mich zu parken. Es gibt dort auf dem Iditarod Insider ein ganz witziges Video über diese Episode. Als ihr dann letztendlich klar war, dass ich es ernst meine mit dem Durchfahren meinte sie nur: "Du weißt, dass es 35° minus sind und auch ziemlich windig?" Wem sagst Du das, dachte ich mir, blieb aber freundlich, habe nach meinen Futtersäcken und Wasser gefragt. Netterweise hat sie mir dann noch die neueste Zeittabelle ausgedruckt zum Mitnehmen, super Service, astrein.

An dieser Stelle einmal ein paar Zeilen zum Thema Voluntäre im Rennen. Die Freiwilligen, die in diesen Rennen helfen, bewundere ich immer wieder. Mir war für die längste Zeit nicht bekannt, dass sie dem Iditarod sogar eine Gebühr zahlen müssen, um überhaupt als Freiwillige zugelassen zu werden. Obendrein müssen sie dann sogar noch ihre eigenen Flüge in die Checkpunkte bezahlen, meist viele Hundert Dollar. Und da stehen sie dann, um 6 Uhr in der Früh, oder wie in diesem Fall joggen vor meinem Team her, um mir den Weg aus dem Ort zu zeigen. Menschen, von denen ich aller Wahrscheinlichkeit nie den Namen erfahren werde opfern ihre Freizeit, damit wir Verrückten von Anchorage nach Nome fahren können.. Mein Dank gilt den vielen unzähligen Helfern, die Hundefuttersäcke schleppen, heißes Wasser machen, mich ein- und auschecken, den Trail markieren, meine gedroppten Hunde versorgen, bevor sie nach Anchorage, von freiwilligen Piloten, geflogen werden. Die Liste der Tätigkeiten hört hier noch lange nicht auf.

Kurz nach dem Ortsausgang von Kaltag kommt man am Flughafen vorbei. Wir waren unendlich langsam unterwegs. Ich hatte Zweifel an der Entscheidung durch Kaltag durchzufahren. Wie immer überträgt sich diese Stimmung auf die Hunde. Die können meinem Tonfall entnehmen, wie ich gelaunt bin. Eigentlich hätte ich dringend meine Schlittenkufen wechseln sollen. Die weißen und schon ziemlich abgenutzten Beläge, waren für warme Temperaturen gedacht. Warm konnte man das hier allerding nicht nennen, kaum aus dem Checkpunkt heraus, ging mein Thermometer auf minus 40° runter. Obendrein war es immer noch windig. Eine Kombination, die ich bisher für schlichtweg unmöglich gehalten hatte. Wenn mich meine Schlittenhunde-Gäste fragen, wie es bei minus 40° Grad ist, war bisher meine Antwort: "Nicht so schlimm, denn es ist bei solchen Temperaturen windstill." Man lernt nie aus. Meine Hände waren nur bedingt funktionsfährig, so habe ich mir das Kufenwechseln verkniffen. Jedoch wurde der Wind immer stärker und mir blieb nichts anderes übrig, als allen Rüden, 14 Stück an der Zahl, einen Fuchsschwanz anzuziehen. Wieso Fuchsschwanz? Zum Schutz ihres wichtigsten Körperteils. Mit Saffron hatte ich nur ein Weibchen im Team. Mit 2 chemischen Handwärmern in jedem Biberhandschuh ging es weiter und als meine Finger langsam wieder auftauten, war mir zum Heulen. Allerdings ist auftauen ein gutes Zeichen.

Hinter den Bergen ging die Sonne auf. Es war wieder ein fantastisch schöner Morgen. Nach einigen Stunden kam ich an meiner Campingstelle vom letzten Jahr vorbei. Es lag extrem viel Schnee. Die Reflektoren, die sonst weit oben in den Bäumen hängen, waren zum Teil nur wenige Zentimer über dem Boden. Die Trailbreaker konnten nur wenige "Parkbuchten" anlegen. Mein Ziel war ursprünglich die Old Woman Cabin, aber durch unsere Kriechgeschwindigkeit konnte ich froh sein es zur Tripod Flats Cabin zu schaffen.

Die Tripod Cabin kann mal leicht verpassen, denn vom Trail aus muss man sich an der richtigen Stelle umdrehen, um sie überhaupt zu sehen. Nach dem Anhalten habe ich jedem Hundepaar ein Strohnest gemacht. Wieder einmal war ich schwer beladen aus Kaltag herausgefahren -- mit ein Ballen Stroh und einem halben Cooler mit Wasser. Beim Strohausteilen kam mir Rauch in die Nase, und tatsächlich die Hütte war noch warm. Dann kam das Geburtstags- und Weihnachtsgeschenk zusammen: Auf dem Ofen standen 2 Töpfe mit heißem Wasser. Ein besseres Geschenk kann es für einen Musher hier draußen gar nicht geben. Innerhalb weniger Minuten war die gesamte Gang gefüttert und unter ihren Fleecedecken eingebettet. Das allerdings nicht, bevor ich noch einmal alle Hunde mit Zalox durchmassiert habe. Dieses Zalox ist das beste Massagezeugs, dass ich kenne, das funktioniert nicht nur bei den Hunden gut, auch ich verwende es immer wieder um meine müden Knochen wieder in Gang zu bringen. Genau um diese Zalox gab es kurz vor dem Rennen noch viel Theater. Im Mushers-Meeting, 2 Tage vor dem Rennen, wurde uns mitgeteilt, dass die Verwendung illegal sei. Das hatte für ziemlich Wirbel gesorgt, denn viele Musher, und ich war einer von denen, hatten nichts anderes in die Checkpunkte geschickt. Angeblich würde Zalox Bestandteile von Aspirin, welches in den Rennen verboten ist, enthalten. Wie sich letztendich herausgestellt hat, ist das aber nicht so, und wir konnten wie gewohnt Zalox verwenden. www.tensquaredracing.com, da gibt es das Zeugs.

Meine Hunde sahen weiterhin gut aus, keiner der 15 hatte irgend welche Probleme. Etwas anders sah es mit meiner Ausrüstung aus. Meine Klamotten mussten dringend einmal richtig getrocknet werden. Zum Glück konnte ich mich in der ganzen Hütte ausbreiten, noch einmal ordentlich Feuerholz nachgelegt, so war es warm genug auch ohne Schlafsack zu schlafen. Kurz vor dem Einschlafen habe ich noch mitbekommen wie draußen ein Flugzeug landete ... meine Besucher blieben mir jedoch unbekannt, denn ich war sofort im Tiefschlaf. Nach dem Rennen sollte ich ein Bild von mir in der Tripod Cabin auf der Titelseite der Anchorage Daily News finden. Ich war so müde, dass ich glatt um eine Stunde verschlafen hatte. Zum Glück hat mein alter Trick, möglichst viel vor dem Einschalfen zu trinken, mich dann doch aufwachen lassen.

Die Hunde lagen ausgestreckt in der Sonne, ich hätte keinen besseren Rastplatz finden können. Mit heißem Wasser im Cooler bewaffnet ging ich wieder auf den Trail. Kurz bevor ich losfuhr, kamen 2 Ordnungshüter der Forstbehörde vorgefahren. Haben kurz die Cabin inspiziert und geschaut, ob ich auch nirgendwo Müll hinterlassen habe. Mit dem Thema Abfall hat die Iditarod-Organisation große Probleme.

Auf dieser Etappe hatte ich Diesel und Austin im Lead, nicht gerade meine schnellste Kombination, aber mit dem Rückenwind sollten sie den Job machen können. Von hinten kam ein Team näher, Jeff King. Überholen lassen wollte ich mich nun auch wieder nicht, als habe ich schnell angehalten und Austin gegen Grisman ausgetauscht. Es ist sehr angenehm viele verschiedene Leader zu haben. Langsam wurde es auch dunkel, und damit Jeff mich nicht genau sehen konnte, habe ich meine Stirnlampe aus gelassen. Das mit dem nicht genau sehen hat auch wunderbar funktioniert, denn nach einer Weile habe auch ich keine Trailmarkierungen mehr gesehen. Wir waren auf dem Unalakleet Fluss und hatten eindeutig die richtige Abzweigung verpasst. Schöner Mist, denn die Oberfläche war mehr oder weniger blankes Eis. 15 Hunde dort umzudrehen ist einfacher gesagt, als getan. In der Entfernung kam mir ein Licht entgegen, welches dann vom Fluss abbog. Gut, dass Jeff sehen wollte wo er langfährt, so wusste ich zumindest ungefähr, wo ich vom Fluss runter musste. Grisman und Diesel hatten jedoch eine andere Idee und wollten lieber wieder nach Kaltag zurücklaufen. Da ich meine Fleischsuppe schon gefüttert hatte, konnte ich den Schlitten auf die Seite schmeißen, mit Mühe und Not den Anker in das Eis bekommen, und die Bande wieder auf den richtigen Trail führen. Da wir am Nachmittag lange gerastet hatten, waren die mal wieder hochmotiviert und standen kläffend dort. Ruckzuck hatten wir Jeff wieder eingeholt, sicherheitshalber blieb ich aber bis zum Checkpunkt hinter ihm, denn Jeff weiß genau wo es lang geht.

Trotz der Tatsache, dass ich die Rast in Kaltag ausgelassen hatte, war ich auf den 6. Platz zurückgefallen. Das Rennen war in vollem Gange. Wieder einmal war es windig und ungeschützt hier in Unalakleet. Mein ursprünglicher Plan hatte vorgesehen hier durchzufahren, nur der Plan wiederum hatte nicht die Pause in Tripod Cabin vorgesehen. Es blieb mir wenig anderes übrig, als einige Stunden hier zu bleiben. Wir waren zwar nur 7 Stunden auf dem Trail, aber der nächste Lauf sollte verdammt lang werden. Der Tierarzt, der meine Hunde undersuchte, meinte, die wären zu dünn. Dünn? Ich konnte meinen Ohren nicht trauen, keine 70 Meilen zurück in Kaltag wird mir noch gesagt, wie gut das Team aussieht. Stu Nelson, der Haupttierarzt, war auch im Checkpunkt .So habe ich mir von ihm noch eine 2. Meinung einholen lassen. Die Hunde sehen gut aus, keine Probleme. Na, das klang schon besser. Die meisten Tierärzte im Iditarod sind sehr gut, man kann viel lernen. Aber hin und wieder gibt es mal einen "Haushund-Tierarzt", der meint jeder Hund müsse 5 Pfund Übergewicht haben, um normal auszusehen.

Als ich mich direkt vor Mitch Seavey legen wollte, meinte dieser, was das denn sollte.
Ich wollte auf jeden Fall mit dem ersten Musher, der den Checkpunkt nach Lance verlassen sollte, losfahren. Lance schien mit 7 Stunden Abstand unaufholbar vorne zu liegen. Aber den 2. Platz wollte ich noch nicht aufgeben. Mitch meinte, er würde mich aufwecken, wenn er losfahren würde. Nur wenigen Mushern würde ich so vertrauen, aber Mitch spielt keine falschen Spiele. So habe ich mich in eine andere Ecke verkrochen, nur um viel zu früh nach 45 Minuten von ihm geweckt zu werden. "Bist Du wach?" Nicht wirklich, war meine Antwort, aber nix wie wieder los. Draußen war es noch windiger geworden. Das Booties anziehen war eine einzige Qual. Ich hatte schon mehrfach bemerkt, dass sowohl Aaron Burmeister als auch John Baker viel schneller beim Booties anziehen waren als ich. Auf meine Frage an Aaron, was ich falsch machen würde, meinte er grinsend: "Das sage ich Dir in Nome." Das war jetzt nicht weiter hilfreich. Trotzdem war ich das erste Team auf dem Trail. Hinter mir eine Reihe von Stirnlampen, 5 Stück an der Zahl. Platz 2 bis 7 lagen nur wenige Minuten auseinander, und das nach 750 Meilen. Die Küste ist immer der Endspurt, und das obwohl wir hier alle schon extrem müde sind.

Der Weg aus Unalakleet heraus ist nie eindeutig definiert. Hier brauchte ich auf jeden Fall einwandfreie Steuerung, so fuhr ich mit Popcorn und Nemo im Lead los. Lances Spuren waren längst fortgeweht. Es ist immer wieder eine Freude die beiden Brüder gemeinsam zu fahren. Kaum habe ich das Kommando beendet, gehen sie schon in die richtige Richtung. Trail, kein Trail, Tiefschnee, Sand, blankes Eis, alles ist den beiden egal. Links ist links, rechts ist rechts.

Alle Stirnlampen bis auf eine, bleiben weit zurück. Diese eine sollte Jeff gehören, der mich doch tatsächlich bergauf überholen sollte. Das ist für mich eher ungewöhlich, denn gerade in den Hügeln ist mein Team immer sehr stark, und auch dieses Mal waren wir recht fix unterwegs. Jeff und ich sollten uns noch einige Male gegenseitig überholen auf dem Weg nach Shaktoolik, denn wir haben an verschiedenen Stellen zum Snacken angehalten. Jeff war in ca. 10 Minuten Abstand in Sichtweite vor mir. Allerdings wurde es mit der Sicht immer schlechter, denn je näher wir an Shaktoolik kamen, desto mehr wurde der Wind.

Der Lauf nach Shaktoolik war mit 6 Stunden 30 Minuten ganz passabel. Shaktoolik. Hier hatte ich letztes Jahr im Rennen einen entscheidenden Fehler gemacht und angehalten. Das sollte mich 7 Plätze kosten. Kein Tag verging im letzten Sommer, wo mich das nicht geärgert hatte. Dieses Mal gab es keine Diskussion. Ich fahre durch. Während ich meine Bande fütterte, kamen nach und nach die anderen Teams an. Alle schienen hier rasten zu wollen. Noch schnell etwas Wasser bunkern, einige Snacks aufladen und weiter geht es. Ein Helfer hat mein Team um das Checkpointgebäude geführt, dann allerdings haben wir erst mal den Trail verpasst bzw. nicht gesehen. Das Team lief gut los, sie schienen zu spüren, dass ich hier nicht lange fackeln wollte. Auch hierzu gibt es unter Shaktoolik ein gutes Video auf dem Insider. Genau von dieser Situation hatte ich ein ganzes Jahr geträumt, noch mal die Chance zu haben mit 15 Hunden aus Shaktoolik rauszufahren. Astrein. Letztes Jahr hatte ich diese Chance nicht richtig genutzt.

Shaktoolik ... alle 3 mit 15 Hunden, bei Lance und mir sind die 12 h falsch, 0h37, 0h19min.

Position
Musher (bib)
Time In
Dogs In
Time Out
Dogs Out
Rest Time
Status
1
Lance, Mackey, (47)
03/16/2009
04:20:00
15
03/16/2009
04:57:00
15
12h 37m
 
2
Jeff, King, (41)
03/16/2009
09:32:00
15
03/16/2009
13:03:00
15
3h 31m
 
3
Schnuelle, Sebastian (34)
03/16/2009
09:40:00
15
03/16/2009
09:59:00
15
12h 19m
 

Die ersten paar Minuten habe ich mich immer wieder umgedreht, um zu sehen, wer mir folgt. Es erschien kein Team. Wir waren wieder in 2. Position, eine Position um die ich seit Iditarod, vor ca. 350 Meilen gekämpft hatte. Lange konnte ich den Ort auch nicht sehen, denn schnell war er im Schneetreiben verschwunden. Da fiel mir auch langsam auf, dass es verdammt windig war. Irgendwie hatte ich im Eifer des Gefechts in Shaktoolik den Wind gar nicht richtig wahrgenommen. Die ersten Meilen gehen über einige kleine Hügel und mit jedem Hügel nahm der Wind zu. Wieder einmal bekam ich Zweifel, ob diese Entscheidung durchzufahren gut war. Normalerweise kann man von hier aus in alle Richtungen Berge sehen, und in der Entfernung schon Koyuk sowie den "Felsen". Zu sehen war hier außer Schneetreiben gar nichts. Ein typischer "Groundstorm", blauer Himmel und gute Sicht nach oben. Aber durch den Wind wird so viel Schnee aufgewirbelt, dass man in Bodennähe gar nichts sieht. Bis zur Schutzhütte am Felsen sind es nur 15 Meilen, normalerweise knappe 2 Stunden Fahrzeit. Nach 3 Stunden kam die Hütte endlich in Sichtweite. Hier habe ich kurz angehalten, um alle Hunde noch einmal zu snacken. Das war einfacher gesagt als getan, denn im Wind wurde das eingeweichte Trockenfutter einfach fortgeweht, bevor die Hunde zum Fressen kamen. Außer bei Inuk, Yonder und Austin, dort erreicht das Futter in der Regel noch nicht mal den Boden, bevor sie es aufsaugen. Kurz nach dem Schutzhütte geht der Trail auf den Norton Sound. Zwischen uns und Koyuk lag nur das Eis, über das der Wind unaufhörlich den Schnee trieb. Der Wind hatte uns nun vollends im Griff. Wir waren kaum mehr im Schritttempo unterwegs. Nicht nur ich, sondern auch die Hunde bekamen immer größere Zweifel, wie wir es nach Kaltag schaffen würden ...

Mehr im Teil 4, dem letzten Teil.

Die meisten Bilder aus dem Album von Jeff Schulz oder Anchorage Daily News können als Print oder auf Tassen, etc. bestellt werden.

Sab

21. Juli 2009
Iditarod 2009, Teil 4: Zieleinlauf ...
11. Juli 2009
Iditarod Teil 3: Der Sturm
14. Juni 2009
Iditarod 2009, Teil 2: Rainy Pass nach Grayling
6. Mai 2009
Iditarod 2009, Teil 1
5. März 2009
Niemals aufgeben
6. Februar 2009
Yukon-Quest-Vorbereitungen
22. Januar 2009
Schwierige Saison
22. Januar 2009
Ich bin qualifiziert für's Quest
10. Januar 2009
Renntag
10. Januar 2009
Die ersten drei Rennen
23. Dezember 2008
Weihnachts-Newsletter
25. Oktober 2008
Herbsttraining, die Suche nach Schnee
18. August 2008
Ende des Sommers in Sicht


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