Iditarod 2009, Teil 1
Hallo Race-Fans,das Thermometer draußen ist auf 20° Celsius plus. Meine Hofeinfahrt hat 2 neue Bäche und ist damit unpassierbar. Der letzte Schnee schmilzt, wir hatten diesen Winter mehr Schnee denn je. Obwohl der Iditarod nun schon viele Wochen her ist, vergeht kein Tag, wo ich nicht daran zurückdenke bzw. mich schon auf das 2010-Rennen freue. Mein Rennreport ist lange überfällig, ich scheine jedes Jahr etwas länger zu brauchen, um mich endlich zum Schreiben aufzuraffen.
In Anchorage haben wir, wie jedes Jahr, bei Bonnie und Jim gewohnt. Das Helfer-Team war mit Libby, Torsten, Mark und Rick recht groß. Ich freue mich immer wieder meinen alten Leithund Tang dort zu sehen, wobei sie mich oft kaum eines Blickes würdigt. Es ist mittlerweile klar, wo Ihr Zuhause ist. Bevor wir nach Anchorage kamen, haben wir noch einige Tage in Paxson mit Training verbracht. Dort habe ich 2 Läufe mit einem 22er-Gespann gemacht, die Endauswahl auf 18 Hunde begrenzt, die mit nach Anchorage kamen. Es war schwierig einige wirklich gute Hunde, wie die kleine Polar und Callie zurück zu lassen, oder auch Bananas und Gizzy. Außer den 2 Läufen in Paxson hatten Rick und Torsten komplett das Training übernommen, so dass ich mich ausruhen konnte. Das Ziel war, das Team jeden Tag zwischen dem Yukon Quest und Iditarod zu trainieren. Bis auf einen Tag war uns das auch gelungen. Angefangen mit kurzen 5-Meilen-Läufen, die sich dann bis kurz vor dem Iditarod stetig steigerten.
Das Start-Banquet vom Iditarod war dieses Jahr deutlich kürzer als in der Vergangenheit. Die Musher haben keine langen Reden geschwungen, es wurden die Sponsoren im Hintergrund angezeigt und jeder hat seine Nummer gezogen. Wieder mal hatte ich mit der 34 eine recht hohe Nummer. Die gleiche Nummer hatte ich schon mal vor ein paar Jahren. Um 21.30 Uhr war der Spaß vorbei, sehr angenehm. Am Freitag stand das „Open House" von Bonnie und Jim auf dem Programm. Fans haben hier die Möglichkeit ihre Musher in ungezwungener Atmoshäre zu treffen. Die Veranstaltung wird jedes Jahr populärer und es ist schon erstaunlich, wie viele Leute in Jim und Bonnies Haus passen. Mit Jon Little habe ich noch meine Renntaktik überarbeitet. Von jemandem erfahrenen wie Jon nehme ich gern Tipps an.Samstag ist Zeremoniestart. Mein Iditarider war Giesela Houseman aus Texas. Wie ihr Nachname vermuten lässt auch ehemals deutscher Abstammung. Nach 11 Meilen, mitten durch Anchorage habe ich sie dann wohlbehalten am Campbell Airfield wieder abgeliefert. Torsten fuhr den 2. Schlitten, wie auch letztes Jahr bei Rudi. Unterwegs haben mich wieder viele Musher überholt, manchmal war ich mir nicht sicher im richtigen Rennen zu sein, und fälschlicherweise in einem Sprintrennen an den Start gegangen zu sein.
Sonntag 8. März.. Endlich geht es richtig los. Der Willow Lake wurde wieder zum Parkplatz von 67 Hundeschlitten-Teams. Die Organisation war wie immer tadellos. Ankommen, einchecken, Parkplatzzuweisung, Mikrochips bei den Hunden lesen lassen, Endauswahl des Teams festlegen, Startnummer in Empfang nehmen, Ausrüstungscheck. Viele hunderte Helfer, die oft eigens für das Rennen anreisen, aus aller Welt melden sich als so genannte „Iditarod Volunteers". Manche Gesichter kenne ich noch aus den Vorjahren. Während Rick und Crew das Team startklar macht, schaue ich mir die anderen Gespanne an. Es gibt dort große Unterschiede. Bei manchen sieht es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen und es wird noch Ausrüstung sortiert. Bei anderen Teams stehen 10 Helfer, alle einheitlich eingekleidet, die das Team versorgen. Manche Hunde zerren wie die Wilden an Ihren Leinen und versuchen den Pickup-Truck auch gleich noch zum Start zu ziehen, während andere Teams ruhig und gelassen dort stehen. Dieses sind die Teams, über die ich mir am meisten Gedanken mache. Ein Zeichen von vielem und gutem Training. Leider muss ich eine Veränderung in meiner Teamauswahl vornehmen. Skunk hat eine geschwollene Achillessehne. Wann die Verletzung genau auftrat, ist uns unklar. Ich entschließe mich Battier mit ins Team zu nehmen. Leider ist er die gesamte Saison nie in meinem Gespann gelaufen, sondern erst in Rudis Team und dann spät im Januar zu Mark gewechselt. Dort hat er aber den Yukon Quest mit ihm beendet. Damit habe ich 15 Rüden und Saffron als einziges Weibchen dabei. Ich werde Skunk vermissen, sie ist ein guter Leader, vor allem bei schlechten Bedingungen. Noch hatte ich keine Ahnung, wie schlecht die Bedingungen werden sollten. Wie immer habe ich eine 18-Hunde-Zugleine für 16 Hunde benutzt, damit beide Wheeldogs einzeln laufen können. Battier war der unerfahrendste Hund mit 2 Tausendmeilern, dann Ricky mit 3. Alle anderen haben 4 oder mehr auf dem Buckel. Folgendes Team ging an den Start:
Moose (9) und Inuk ( 5) in lead
Popcorn (6) , Nemo (6)
Vasser (5), Grisman (5)
Ricky (4), Austin (8)
Scruggs (5), Denali (7)
Gas (8), Diesel (8)
Saffron (7), Finn (5)
Yonder (5), Battier (4)
Mit Moose als Leithund wollte ich sicherstellen, dass ich einen langsamen Start habe. Das hat auch gut funktioniert, nur war ich zeitgleich auch 1 Meter links neben dem Trail und habe die meisten Zuschauer begrüßt. Meinen alten Grundsatz, im Rennen nichts Neues auszuprobieren hatte ich dabei außer Acht gelassen, denn mit Moose als Leithund war ich so gut wie nie gefahren. Kaum hatten wir den Willow Lake verlassen, rief der erste Musher von hinten schon „trail", das Kommando zum Überholen. Dieser Trend sollte sich bis Yentna halten. Ich starte immer langsam, dieses Mal noch langsamer als sonst, denn ich wollte auch weiter nach vorne als sonst. Erst auf dem Weg nach Skwentna habe ich den Fuß etwas von der Bremse genommen. Das Team lief gut, niemand ist gallopiert, alle sind im Einklang getrabt. Mit 7hr 20 Minuten war ich etwas langsamer als erwartet. Für kurze Zeit hatten wir den perfekten Rastplatz, an der Außenseite des riesigen Parkplatzes. Die Ruhe hat nur so lange gehalten, bis man mir Ken Anderson, mit einem Team voll läufiger Hündinnen direkt nebendran gesetzt hat, damit er etwas abseits der anderen ist. Vielen Dank. Zum Glück hatte ich die Bande schon gefüttert. Mit 15 Rüden neben einem Team läufiger Hündinnen zu bleiben hat wenig Sinn gemacht. Lange anhalten wollte ich hier eh nicht, und bin nach nur 2 Stunden 22 Minuten aufgebrochen. Hugh Neff und Lance Mackey hatten auf meiner anderen Seite geparkt, waren aber während meiner Abfahrt irgendwo im Checkpunkt. Nur zu gern hätte ich ihre Gesichter gesehen, als sie wieder zu ihren Teams zurückkamen. Hugh hat mich später gefragt: „Ich konnte meinen Augen nicht trauen, als ich wieder rauskam und Du warst weg. Wie lange warst Du überhaupt da?„. Gleich im ersten Checkpunkt 5 Stunden Rast zu kürzen hätte ich mich früher nie getraut. Aber genau deshalb hatte ich die Hunde zwischen den Rennen jeden Tag trainiert, damit sie noch voll im Laufrhytmus sind.
Das Team lief wieder gut. Es hatte leicht zu schneien begonnen und der Trail war weich und langsam. Das war mir gerade recht, gut für die Hunde. Der Weg schlängelt sich zwischen Sümpfen und Seen entlang. Auf einem dieser Verbindungstücke konnte ich sehen, dass von vorne ein Motorschlitten kam. Zeitgleich kamen von hinten 2 Maschinen. Die vordere fuhr viel zu schnell und wäre fast in mein Team gerast. Die hintere konnte mich wohl wegen dem Gegenlicht der anderen Maschine nicht sehen und hätte mich fast von hinten über den Haufen gefahren. Das war verdammt knapp. Beide Motorschlitten sind in letzter Sekunde in den Tiefschnee. Da mich die Maschinen von hinten bis zum Finger Lake nicht mehr eingeholt haben, gehe ich mal davon aus, dass sie dort für längere Zeit gesteckt haben. Dieser Vorfall sollte der erste von vielen Problemen mit Motorschlitten in diesem Rennen werden. Nach einer Weile haben ich Gerry Willomitzer und Hans Gatt beim Camping überholt. Es waren keine weiteren Schlittenspuren im Schnee. Einwandfrei, ich liege in Führung im Iditarod. In diesem Rennen bin ich eine komplett andere Strategie, als im Quest gefahren. Während ich es im Quest sehr langsam angehen ließ, bin ich im Iditarod von Anfang an recht aggressiv gefahren, denn ich musste das Team nicht erst warmlaufen. Der Schnee wurde immer tiefer auf dem Weg nach Finger Lake. Hinter mir waren keine Stirnlampen in Sicht. Kurz nach 6 Uhr kamen wir im Checkpunkt an. Anhalten wollte ich dort nicht, sondern nur kurz Stroh und Wasser bunkern.
Jetzt wurde der Trail noch langsamer und dazu ca. 15 bis 20 cm Neuschnee. Gut, dass die Hunde das vom Denali Highway dieses Jahr zur Genüge gewohnt waren. Mit Popcorn und Nemo, beide and die 70 Pfund, ging es mit unveränderter Geschwindigkeit weiter. Durch den vielen Schnee waren die Happy River Steps harmlos. Im steilen Anstieg danach musste ich noch nicht einmal mithelfen. Mein Plan war am Finnbear Lake anzuhalten, abseits vom Gerummel der Checkpunkte. Wir kamen dort etwas früher als erwartet um 8.20 hr an. Eigentlich etwas zu früh zum Pause machen. In der Vergangenheit hatte ich immer in Finger Lake angehalten und das Team kam dort nie zur Ruhe. Wenn ich nun weiterfahre zum Rainy Pass-Checkpunkt, dann habe ich das gleiche Problem wieder. Also anhalten. Mike und seine Frau waren nette Gastgeber am Finnbear Lake. Das Wasser hätte ich nicht mitschleppen müssen, denn sie hatten für uns 2 große Kessel mit warmen Wasser vorbereitet. Dadurch ging das Versorgen der Hunde schnell. Paul Gebard kam ca. 45 Minuten nach mir an. Ich habe alle Hunde mit Zalox durchmassiert. In der Hütte warteten richtige Betten, na, das ist Service. Kurz vor dem Einschlafen, habe ich noch so halb mitbekommen, als Mike meinte: "Lance kommt gerade vorbei, sieht gut aus. Ist 1hr20 minuten hinter Dir."
Als ich nach einigen Stunden Schlaf wieder aufgewacht bin, bot sich mir ein anderes Bild. Ca. 20 Teams waren vor der Hütte geparkt. Auf dem Fußboden der kleinen Hütte überall schnarchende Musher. Als ich zum Team kam, waren Popcorn und Nemo am Spielen, der Rest saß gelangweilt da, geschlafen hatte keiner. Ein gutes Zeichen, Abfahrt, zwar leider um 14 Uhr direkt in der Mittagswärme, aber zum Glück war es bewölkt und auf jeden Fall unter Null Grad. Wieder musste ich auf der Bremse stehen, um das Team in einem ausgeglichenen Trab zu halten. Der Trail war durch die vorausfahrenden Teams deutlich besser als am Morgen. In Rainy Pass angekommen, habe ich nur kurz einige Snacks aufgeladen und meine restliche Ausrüstung im „return bag„ wieder nach Hause geschickt. Beim Losfahren meinte der Checker: „Sebastian Du bist der erste, der rausfährt. Und ach ja, seit 1 Tag hat es niemand über den Pass geschaft." Ich muß den Checker doch recht erstaunt angeschaut haben, denn er hat schnell hinzugefügt: „Aber im Moment versuchen gerade 2 Maschinen von Rohn hochzukommen." Das kann ja heiter werden, aber was hilft´s ... ready lets go ...
Die meisten Bilder aus dem Album von Jeff Schulz oder Anchorage Daily News können als Print oder auf Tassen, etc. bestellt werden.
Sab

