Kalte Nächte
Was wäre das Leben ohne gute Freunde. Als ich heute morgen E-Mails herunter geladen habe, kam eine Mail von Andi:" Wann schickst Du mir endlich mal ein neues E-Mail-Update? Du trainierst doch eh nur Hunde oder sitzt den ganzen Tag vorm Computer mit Chips und Cola".
Andy hat Recht und es ist an der Zeit mal wieder einen Newsletter zu schreiben, jedoch bedarf seine Aussage einige Erklärungen:
Chips und Cola, stimmt nicht mehr. Überraschung....., ich habe es doch tatsächlich geschafft, meine Gewohnheiten zu ändern; statt Cola gibt es nun Fruchtsaft, statt Chips Nüsse oder Früchte. Ich muß mich erst noch etwas daran gewöhnen, habe ich doch seit 15 Jahren jeden Tag zwei Liter Cola getrunken. Das ich nur in der Cabin herumsitze, stimmt - aber erst seit einigen Tagen. Der November war recht kalt, aber wir konnten trotzdem immer gut trainieren. Die letzten Tage ist das Thermometer allerdings auf 43 bis 46 Grad minus gesackt; auch tagsüber wird es kaum wärmer. Vor dem " Cold Snap " hatten wir, zum Glück, die meisten Vorbereitungsarbeiten bereits erledigt. Klar, es gibt für die Food Drops immer etwas zu packen, aber das zu früh zu machen, ist auch nicht sinnvoll, denn wenn sich dann plötzlich etwas ändert, kann man den ganzen Krempel wird auspacken. So habe ich zum Beispiel eine neue Stirnlampe, die mit kleinen Babyzellen auskommt, anstatt der großen Monobatterien. Das Massageöl Algyval habe ich auch durch Zalox ersetzt, etc..... Also was bei der Kälte anderes machen als Holz in den Ofen schieben, so das den Hunden auf der Couch auch schön warm ist und mir vor dem Computer die Füße nicht erfrieren?
Bis vor dem Temperatureinbruch haben wir in der Tat viele Hunde gefahren. Es liegt zwar genug Schnee für den Schlitten, aber nur für kleine Gespanne mit sechs oder acht Hunden. Da wir aber 60 Hunde trainieren, macht es mehr Sinn, diese in drei Gespannen à 20 Hunde vor einem ATV oder meinem Honda zu spannen. Das allmorgendliche Ritual war mit dem Flammenwerfer im Ofenrohr die Fahrzeuge vor zu wärmen, um dann trainieren zu können. Der kleine Honda gefällt mir sehr gut. Zwar komme ich damit nicht auf jeden Trail, dafür hat er nicht genug Bodenfreiheit, aber auf gewissen Wegen kann ich damit fahren und vor allem im Warmen bleiben. Über fünf Stunden bei 30 Grad minus auf dem ATV zu sitzen, wird auf die Dauer wirklich kalt, trotz Bunny Boots und Fellmütze, denn man kann sich nicht wie auf dem Schlitten bewegen und hinterher rennen. Mit den Hunden bin ich sehr zufrieden. Dieses Jahr plane ich zwei, seperate Gespanne für den Yukon Quest und Iditarod zu fahren. Rich fährt den Iditarod mit einem zweiten Gespann aus jungen Hunden, damit diese auch schon einmal Rennerfahrung bekommen. Ich habe dieses Jahr wieder einmal das Glück sehr gute Dog-Handler zu haben. Die Crew vom letzten Jahr sind alle zu Sky High und den Touren übersiedelt, um auch "Guiding" zu lernen. Mit neuen Handlern anzufangen ist immer spannend und bedarf viel Geduld, aber das Team hat sich dieses Jahr schnell und sehr gut eingespielt. Wir Musher stehen zwar oft im Rampenlicht, aber ganz klar würden wir es nie an den Start der Rennen schaffen, wenn wir nicht helfende Hände im Hintergrund hätten. Es gibt viele kleine Arbeiten, die alle sehr zeitraubend sind, zu erledigen und der Tag hat nur 24 Stunden. So stand gestern Fußpflege auf dem Programm: Den Hunden die Haare zwischen den Zehen wegschneiden und Nägel trimmen - bei 80 Hunden macht das 960 Nägel! Bei minus 40 Grad, draußen, sucht noch jemand nen Job?
Bei meinen Hunden gibt es dieses Jahr viele Änderungen. Nachdem ich mich mental erst einmal dazu durch gerungen hatte, viele von meinen alten Hunden in den Ruhestand zu schicken, hat dies die Türen für junge und neue Hunde geöffnet. Bisher hatte ich den Hundebestand immer in Rennhunde und Tourenhunde unterteilt. Da ich aber nicht genug Rennhunde für drei Zwanzigergespanne hatte, habe ich einige von meinen Tourenhunden als Lückenfüller genommen. Dabei gab es einige echt positive Überraschungen, wie zum Bespiel Free, Ibex und Fat Nose. Alle drei wurden bei mir geboren, aber ich habe sie nie richtig für Rennen in Betracht gezogen. Alle drei sind jetzt fünf Jahre alt und damit im besten Rennalter. Bei den Touren wird mit kleinen Gespannen von vier bis sechs Hunden gefahren und dort kann es sich niemand leisten, nicht hart zu arbeiten und alle drei ziehen sehr gleichmäßig und arbeiten hart. Im vergangenen Frühjahr habe ich auch einige Rennhunde gekauft, denn ich wußte, dass meine Bande zu alt wird. Hunde zu kaufen ist nie einfach, denn warum sollte ein Musher seine guten Hunde verkaufen? Sowohl im Fall von Eric Butcher, als auch von Rick Townsend, haben beide komplett mit dem Sport aufgehört und somit alle ihre Hunde verkauft. Ich werde eine Weile brauchen, um alle neuen Hunde auf den "Hundeseiten" vorzustellen. Vor allem meine Leader Chevy, Spook wurden nur wirklich zu alt, aber da habe ich sehr guten Ersatz gefunden. Ich kann es schon jetzt kaum erwarten, wenn mich der Lautsprecher beim Rennen vorstellt: Hier kommt Sebastian mit seinen Leithunden Skunk und Rat... denn genau so heißen die beiden und Skunk sieht aus wie ein Skunk halt so aussieht. Ihr fragt Euch bestimmt, was mit den alten Rennhunden passiert? Die Leader leiten im Moment noch das Gespann mit jungen Hunden von Rich. Die anderen Hunde sind alle am Fisch Lake und machen Touren, was für die Gäste eine angenehme Überraschung sein wird, denn ruhigere Hunde gibt es kaum. Die Touren laufen seit den letzten zehn Tagen und es herrschen ideale Bedingungen mit ca. 45 cm Schnee am Fisch Lake, und da der deutlich höher liegt, ist es dort auch nicht so kalt.
Wir sind noch immer in Whitehorse und noch nicht nach Paxson umgezogen. Im Moment haben wir hier bessere Schneebedinungen als dort. Die letzten Wochen hatten wir extrem viel Nordwind, besser gesagt Sturm, und auf eine Länge von ca. acht Kilometern hat es den Schnee vom Denali Highway, der Haupttrainingstrecke, weg geweht. Am vergangenen Donnerstag hatten wir in Whitehorse ein " Business after Hours "-Treffen für den Yukon Quest, wo neue Sponsoren vorgestellt wurden. Für ein Gewinnspiel sponsort Dodge einen neuen Dodge Diesel Truck und Holland America Cruise Lines einen Traumschiffurlaub für zwei Personen. Auf beides hätte ich Lust, also werde auch ich mir besser mal ein Ticket kaufen.
Heute nachmittag ist das Thermometer auf minus 38° gestiegen und Hauke und ich wollten einen Trail mit den Motorschlitten auf dem Takhini River machen. Das hat nicht ganz geklappt. Zum einen hatte ich echte Probleme mit meiner Bearcat, die einfach im Stand nicht laufen wollte und mußte immer Vollgas geben. Wer meine Fahrgewohnheiten kennt, weiß, dass mich das nicht sonderlich stört, das Ganze jedoch gepaart mit einem Fluss, der trotz der Kälte, noch viele offene Stellen hat, war nicht angenehm. Die Flüsse frieren hier nicht gut zu, wenn es zu schnell zu kalt wird. Dann bleibt nicht genug Zeit um ausreichend Treibeis zu bilden und wenn sich im Oberlauf einmal eine Eisblockade bildet, kommt nicht mehr genug Eis den Fluss hinunter und es bleiben lange offene Stellen, die wir "open leads" nennen. Diese waren jedoch so lang und breit, dass wir mit den Hunden dort eh nicht hätten fahren wollen, aber schlimmer noch, wir kamen nicht wieder vom Fluss runter. Dort, wo wir vom Ufer auf den Fluss gefahren sind, ist es so steil, dass ein Skidoo nicht wieder hoch kommt, mit Hunden ginge es, wenn auch langsam. Manche von Euch Gästen können sich bestimmt an die Stelle erinnern, wo man den Takhini verlässt und sich langsam den Hang herauf arbeitet, was dann oben aber mit einer fantastischen Aussicht belohnt wird. Bei jedem Mal anhalten ging mein Motorschlitten aus und war nur mit zwei Personen zu starten - eine schweißtreibende Angelegenheit, die mich wieder daran erinnert hat, warum ich Hunde bevorzuge - die bleiben immer an. Wir waren recht froh an der Einmündung vom Ibex River, den Takhini verlassen zu können und sind dann auf dem Landweg wieder zurück gefahren.
Die Kälte hat sehr schöne und interessante Seiten. Wenn die Sonne scheint, bilden sich die sogenannen "Sundogs", Eiskristalle, die in der Luft hängen und wie ein Regenbogen im Sonnenlicht reflektieren. In der Kälte kann man Trucks auf dem Highway hören, die noch Kilometer weit weg sind, Klänge werden besser übertragen. Kurz vor dem Sonnenuntergang, im Moment um ca. vier Uhr nachmittags, wird der Osthimmel von rosa, zu violett zu dunkelblau gefärbt, ein sicheres Anzeichen einer kalten Nacht. Wenn die Sonne im Westen erst einmal unter gegangen ist, leuchtet der Horizont in einem kräftigen Orange, was dann nach einer weiteren Stunde einem faszinierend klaren Sternenhimmel weicht. Mit etwas Glück kommen dann die Nordlichter heraus und uns wird wieder bewußt, warum wir hier leben. Es wird Zeit wieder etwas Holz in den Ofen zu schieben und mich zu den Hunden auf das Sofa zu setzen, denn es dauert nicht mehr sehr lange bis zur allabendlichen Fütterungszeit. Happy trails
Sebastian und Team
Sab
