Teil 3: Kaltag - Nome
Nachdem die Hunde wieder nicht fressen wollten, habe ich mich entschlossen noch länger zu warten und wieder Schlafen zu gehen. Es wäre vom Timing her viel besser gewesen, wenn ich jetzt angeschirrt hätte, dann wäre ich um 4.30 aus Kaltag losgefahren. Der nächste Lauf nach Unalakleet ist lang ca. 75 Meilen (120 km). Oft wird der Run unterteilt, mit einer Rast an der sogenannten Old Woman Cabin. Es gibt eine alte Old Woman Cabin, die sehr verfallen und ganz nah am Trail liegt, sowie die neue Old Woman Cabin die 1 Meile später aber rechts etwas abseits liegt. Letztes Jahr bin ich dort im dunkeln und im Regen vorbeigekommen. Die alte Bude hatte ich zwar gesehen, die schöne neue dann leider verpaßt und bin die gesamte Strecke in einem Zug durchgefahren. Wenn man in Old Woman anhält kommt das zeitmäßig so hin, daß man dann auch wieder in Unalakleet anhalten sollte. Unalakleet habe ich schon letztes Jahr nicht gemocht, und auch dieses Jahr sollte ich dort schlechte Erfahrungen machen.
Wenn ich um 4.30 losgefahren wäre, (nach 5 Stunden Rast, ich war vorher auch nur 5 Stunden gefahren, also ideal) hätte ich mich auf einen Schlag vom 40. auf den 32 Platz vorgearbeitet. Besser noch ich hätte auch einen 8 Stunden Lauf machen können, bis 20 Meilen vor Unalakleet und dort schön in der Sonne über den Nachmittag Rasten können. Die gesamte Strecke nach Unalakleet ist ziemlich exponiert. Unalakleet heißt übersetzt "Platz des Ostwindes". 20 Meilen vor Unalakleet kommt man aber über einen Fluß und für ca. 1 Meile ist die Gegend dicht bewaldet und damit auch windgeschützt. Dort steht sogar ein Schild "UNK 20M". Dann hätte ich durch Unalakleet gleich nach Shaktoolik weiterfahren können, ohne mich wieder in Unalakleet zu ärgern. Mit diesem Schachzug hätte ich dann auch mein eigentliches Ziel, in den Top 30 zu sein, sicher erreicht.
Aber nein zu solchen logischen Schlüssen kam ich nicht. Ich war zu verunsichert, daß die Hunde nicht gefressen haben. Auch konnte ich der Versuchung von 2 Stunden extra Schlaf nicht widerstehen. Im Nachhinein ärgert mich das ungemein. Genau diese Situationen sind auch wieder ein Grund, warum wir Musher uns nach all den Strapazen im nächsten Jahr doch wieder zum Rennen anmelden: "Das passiert mir nie wieder" was auch stimmen mag, dafür kommen dann neue Situationen und Fehler.
So bin ich um 6 Uhr erneut aufgestanden, mit dem gleichen Ergebnis, das die Hunde wieder nicht fressen und ich war keinen Schritt besser dran als Nachts um 3 Uhr. Booties dran und Abfahrt, irgendwann bekommen die Monster schon wieder Hunger. Zu dünn war bei mir eh keiner. Eher im Gegenteil, bei einigen Vielfraßen wie Jack und Libby mußte ich sogar aufpassen, daß die mir nicht zu fett wurden. In Anbetracht dieser Tatsache war meine Fehlentscheidung um so ärgerlicher. Hier habe ich dann auch noch Neuro zurück gelassen. Der hatte eigentlich nichts, nur war seine Zugleine mehr schlaff als gespannt, und ich war es leid mir das anzusehen. Um 7.10 bin ich auf den Trail und so gab es keine andere Wahl, als um 13 Uhr an der Old Woman Cabin anzuhalten. Es war deutlich über Null Grad. Unterwegs hat mich Rick Casillo eingeholt und wir sind zusammen zur Hütte gefahren. Dort waren viele Musher, Musher die sonst alle hinter mir gewesen wären. Könnt Ihr merken, daß mich der Fehler ärgert....? Wie normal habe ich wieder mein Hundefutter zubereitet. Ich war nun doch sehr gespannt was passiert wenn ich dem Team die Futterschalen hinstelle. Jeder hat wie normal gefressen. Das war sehr beruhigend und meine Laune wurde sofort besser. Eine Erklärung für das komische Freßverhalten finde ich immer noch nicht. Nach der Pause in Old Woman bin ich dann um ca 17.30 weiter gefahren. Nur wenige Kilometer danach stand Judy Currier auf dem Trail, und daß obwohl sie lange vor mir losgefahren war. Ihre Leithunde sind immer nach rechts vom Trail abgebogen. Solange ich nicht zu weit voraus fuhr, sind die mir dann aber gefolgt. Nicht zu weit hieß leider 5 Meter. Das war meinem Gespann wiederum zu nah und die haben sich mehr umgedreht als nach vorne geschaut. Sobald Judy aber mehr Abstand hielt, sind die Biester wieder vom Trail runter. Das ist eine sehr unangenehme Situation für einen Musher und so war es klar für mich, daß ich mit Judy gemeinsam nach Unalakleet fahre. Auf Unalakleet hatte ich wirklich keine Lust, und so war es auch nicht verwunderlich, negative vibes, daß kurz vor dem Ort der Trail weg war. Die Lichter waren aber gut in der Distanz zu sehen, so bin ich geradlinig darauf zu gefahren, in der Hoffnung das zwischen drin kein offenes Wasser liegt. Ich war froh Tang zu haben, die ich auch ohne Trail überall hin dirigieren kann. Unalakleet liegt am Meer und der immer herrschende Ostwind drückt das Eis aus der Bucht heraus, aber wir sind unbeschadet dort angekommen. Mir war erst später aufgefallen, daß der Wind eh aus Westen kam und damit das Eis in die Bucht gedrückt hat.
Kurz nach meiner Ankunft ging das Theater dann auch los. Wie immer war es sehr windig hier und der mir zugewiesene Parkplatz hatte im Gegensatz zu anderen Parkplätzen keinerlei Windschutz. Vor und neben mit hatten aber andere Musher das gleiche Schicksal, und die haben sich einen Windschutz aus Strohballen gebaut. Das Team vor mir hatte ca. 30 Ballen rings um das Team. Dazu war ich zu faul und fand das aber auch nicht notwendig und habe nur hinter jeweils ein Hundepaar einen Ballen Stroh gesetzt, 5 Stück insgesamt. Die Wheeldogs waren vom Schlitten geschützt. Kurz darauf kam Lavon Barve, der früher auch oft das Rennen gefahren war, zu mir und meinte das sei nicht erlaubt sich Strohballen zu nehmen. Er war jetzt nicht hier als Musher sondern in der Position eines Rennrichters. Das war natürlich eine unangenehme Situation. Ich hätte das Ganze noch fast verstanden wenn ich die letzten Strohballen genommen hätte und für die Neuankömmlinge nichts mehr da gewesen wäre, aber am Ufer stand noch viel Stroh. Selbst mein Hinweis darauf und meine Frage warum die anderen Musher das dann dürfen hat nichts genützt. Schlimmer noch er hat einfach die Strohballen vom Team weg gerissen und dabei die Hunde hochgeschreckt. Jemand der mich kennt, weiß daß ich ziemlich grillig werden kann wenn es um das Wohlbefinden meiner Hunde geht. Das ging mir nun wirklich eine Stufe zu weit und ich bin in den Checkpunkt gelaufen um ein Gespräch mit dem Race Marshall, Mark Nordmann, zu erbitten. Um so erstaunter war ich, daß ich am Telefon in einer Warteschlange stehen mußte, denn andere Musher hatten auch Beschwerden über genau jenen Richter. Nach einem kurzen Gespräch mit Mark, der wie immer sehr verständnisvoll war, bin ich wieder zum Gespann und habe die Strohballen wieder hingestellt. Da hatte der Lavon Barve doch glatt den Nerv wieder zu kommen und gemeint er würde seine Meinung nicht ändern und fing an sich den ersten Ballen zu nehmen. Ich habe ihm dann von den Telefongesprächen mit Mark erzählt und daß er mich jetzt endlich in Ruhe lassen sollte. Zum Glück hat er das dann auch getan, ohne das Stroh noch mal anzufingern. Eins steht fest nach 2 Jahren schlechten Erfahrungen fahre ich hier nächstes Jahr durch.
Nach wieder viel zu kurzem Schlaf, hingelegt um Mitternacht, aufgestanden um 3 Uhr, ging es dann um 4.30 weiter. Ich hatte noch 12 Hunde im Gespann, die auch alle sehr gut gezogen haben. Dieser kommende Lauf sollte einer der schönsten des ganzen Rennen werden. Auf Shaktoolik habe ich mich eh gefreut, good vibes?, denn das ist ein Checkpunkt wo die wieder genau wissen was uns Mushern wichtig ist. So viel ist das gar nicht. Rastplatz für die Hunde ohne Wind, ne Ecke zum Schlafen und etwas zu Essen, warmes Wasser für die Hunde ist schon Luxus.
Der Trail aus Unalakleet heraus hat auch seine Tücken, die erste Stunde geht es mehr oder weniger immer über blankes Eis. Tang und Marmot laufen da jedoch wie auf Schienen und so habe ich die vor mir fahrenden Musher eingeholt. Einer davon war mein Freund Rick, ich hatte gar nicht gemerkt, daß der vor mir aus Unalakleet abgefahren war, der wollte sich wohl heimlich davon schleichen. Obwohl es hier entlang der Küste geht, ist das alles andere als flach hier. Ich als Norddeutscher verbinde Küste natürlich mit platt. Wir müssen uns über die Blueberry Hills quälen. Von hinten konnte ich auch ein Gespann kommen sehen und so schnell wie das war, konnte das nur der Hans Gatt sein. Das hat mich dann doch etwas zum Mithelfen bewegt und ich bin die Hügel hinter dem Schlitten her gerannt. Trotzdem hat mich der Hans dann irgendwann überholt. Rick und ich haben noch die Chance genutzt einige schöne Fotos zu machen. Links neben uns konnten wir die eisfreie Beringstraße sehen, wo der Mond gerade am Horizont unterging. Zur gleichen Zeit ging rechts über den Nulato Mountains die Sonne auf. Das Ganze bei absoluter Windstille. Es war eine tolle Stimmung. Schnell kamen wir wieder zur Realität zurück, denn auch die letzten Meilen nach Shaktoolik sollten wieder über spiegelblanke Eisflächen gehen. Dort bin ich Rick wieder weggefahren, denn seine Hunden fanden das mit dem Eis nicht so lustig. Hier fährt man mit dem Gespann auch an einer Schutzhütte vorbei, die schon so manchen Musher Unterschlupf geboten hat. Es dauert zwar nur eine Stunde bis man entlang einer großen Sandbank nach Skaktoolik kommt, bei richtigem Sturm kann das aber unmöglich sein. Im Ort gibt es nicht einen Baum, keine Sträucher nichts, nur Wind und Schnee. Mit gerade mal 5.04hr Laufzeit war ich sehr schnell, und das trotz Fotosession.
Kurzzeitig habe ich darüber nachgedacht durch den Checkpunkt durchzufahren und direkt weiter nach Koyuk zu laufen, um vielleicht doch noch mein Ziel einer Top 30 Platzierung zu erreichen. Ich habe mich dann aber dagegen entschieden, denn es hat mir vor einer Nachtfahrt gegruselt, zu müde war ich. Außerdem Nummer 40, 35, 30 alles doch nur Zahlen. Einen richtig großen finanziellen Unterschied macht des erst ab Platz 25 und aufwärts. Bei allem über Platz 30 gibt es für jeden Finisher $ 1049. Wieso Nachtfahrt, wenn ich durch Shaktoolik durchfahre? In Shaktoolik bin ich um 9.43 angekommen und wäre dort ca. 10 Uhr rausgefahren, dann 6 Stunden bis Koyuk, wäre ich dort um 16 Uhr angekommen. Mit 8 Stunden Pause hätte das geheißen um genau Mitternacht wieder los zu fahren. Ich konnte mich so schon oft kaum wach halten, geschweige denn mir noch eine ganze Nacht um die Ohren zu hauen. Also habe ich in Shaktoolik meine Pause gemacht. Heute, einige Wochen später, wo ich wieder ausgeruht bin, habe ich für diese Entscheidung kein Verständnis mehr. Aber es klingt auf dem Papier immer alles so einfach, in der Realität sieht das dann anders aus.
In Shaktoolik war der Checkpunkt recht voll, ca. 10 Musher waren anwesend, die alle die guten Wetterbedingungen für eine angenehme Rast genutzt haben. Es war ein ziemliches Geschnarche, deswegen habe ich immer Ohrenstöpsel dabei. Um 16 Uhr ging es weiter, Hans Gatt, Rick Casillo und ich sind mehr oder weniger zeitgleich aus dem Checkpunkt gefahren. Das Wetter war nach wie vor super, sonnig und windstill. Während ich oft faul auf meinem Sitz saß, hat Hans fast die ganze Zeit mit Skistöcken mitgeholfen. Mein Sitz ist eine super Sache. Wenn ich Gegenwind habe, komme ich so gut aus dem Wind. Es ist sehr angenehm auch einmal einige Zeit zu sitzen und den Rücken auszuruhen. Im Sitzen kann man auch sehr gut mit den Skistöcken mithelfen, aber genau dazu taten mir die Arme im Moment zu weh. Ich hatte seit einigen Tagen echte Probleme damit, daß vor allem der linke Arm mir fortwährend einschläft, wahrscheinlich von der Überbelastung des dauernden Mithelfen. Das ich nicht mitgeholfen habe, hat natürlich irgendwann dazu geführt, daß Hans und Rick mich überholt haben und dann einige Minuten vor mir in Koyuk ankamen. Eindeutig war ich das schwächste Glied im Team.
Wieder waren wir recht schnell unterwegs und schon um 21.28 hr dort. Da hatte ich absolut nichts gegen, denn früher hier sein hieß mehr Schlaf und der war mir im Moment heilig.
Mit dem Schlafen ging das aber nicht so einfach, denn im Checkpunkt lief der Fernseher, ziemlich genau neben der Schlafecke für die Musher. Als ich den einfach ausmachen wollte brach großer Protest aus. Ich hatte gar nicht gemerkt, daß auf dem Bildschirm Nome zu sehen war, wo Jeff King in wenigen Minuten als Sieger erwartet wurde. Das war in der Tat ein Grund den Fernseher anzulassen. Nome, stimmt das ist gar nicht mehr so weit weg. Hier in Koyuk sind die Kinder besonders begeistert vom Iditarod. Die gesamte Zeit hatte ich eine Helfer Crew, die Booties ausziehen wollten, das Stroh zu den Hunden gebracht haben und dann die Fleecedecken verteilt haben.
Ganz heiß waren die auch auf Süßigkeiten, nur da mußte ich die Bande enttäuschen, denn ich hatte sogar für mich selbst kaum genug dabei. Das mit dem Essen für mich habe ich noch nie so richtig in den Griff bekommen. Nächstes Jahr muß ich mir die Zeit nehmen, etwas vernünftiges vorzukochem, Bacon, Nudeln, Pizza, Hamburger, eben was ich gerne esse. So blieb mir immer nichts anderes übrig, als zu schauen, was die vorherigen Musher zurück gelassen haben. Mir war aufgefallen, daß ich oft zu den Vaccum verpackten Paketen griff, die immer die gleiche Handschrift hatten. Hier sollte ich erfahren, daß diese Handschrift zu DeeDee Jonrowe gehört. Der sollte ich nach dem Rennen auf jeden Fall für die gute Versorgung danken. Hans saß neben mir mit einem riesigen Teller Nudelsuppe, der ihm dann aber über die Hose auf den Boden gekippt ist. Nach einiger Zeit Denkpause kam dann: "I might as well scratch, ich kann dann gleich aufgeben", wir konnten uns vor Lachen kaum halten. Ich habe hier in Koyuk ganz gut geschlafen, nur wieder viel zu kurz. Um 5 Uhr morgens war ich wieder unterwegs und hatte echte Schwierigkeiten mich wach zuhalten. Immer wieder bin ich auf dem Sitz eingenickt, einmal dann ganz eingeschlafen und vom Schlitten gefallen. Etwas verwirrt sah ich dann mein Gespann langsam davon laufen. Da es aber zum Glück bergauf ging, konnte ich die ohne Probleme wieder einholen und besser noch ich war jetzt richtig wach. Als es dann gegen 7 Uhr heller wurde, gingen die Müdigkeitsanfälle eh weg. Zum Glück hatte ich mich gegen die Nachtfahrt entschieden, da wäre ich wahrscheinlich einfach liegen geblieben. Rick Casillo hat mich wieder von hinten eingeholt so auch Judy Currier die Ihre Leithunde wieder im Griff hatte. Rick wollte durch Elim, den nächsten Checkpunkt, durchfahren. Wir kamen am so genannten Moses Point vorbei, einer Ansammlung von vielen Fish Camps. Unter den tiefen Schneeverwehungen haben Außenborder und Boote hervor geschaut. Wie das hier wohl im Sommer aussieht und wann der Sommer hier wohl anfängt?
Einen großen Unterschied in der Reisegeschwindigkeit eines Hundeschlittengespannes kann es auch mit der Wahl des Plastiks für die Schlitten Kufen geben. In dieser Wahl hatte ich mich in Shaktoolik vergriffen. Wobei die Auswahl auch nicht groß war. Ich hatte dort altes zerkratztes blaues Plastik drauf und das dann gegen den einzigen Satz neues Plastik, in grau, eingetauscht. Nur war das leider keine Verbesserung, sondern das grau hat mehr gebremst als das alte blaue Zeugs zuvor. Ich konnte es kaum erwarten in Elim das wieder zu ändern, denn laut meiner Packliste sollte dort ein neuer Satz gelbes Plastik auf mich warten.
Elim gefällt mir sehr gut. Es liegt sehr viel Schnee hier und es ist richtig bewaldet, nicht nur mit Stöckchen, sondern richtig dicken Bäumen. Das muß wohl an der Südhanglage liegen und einem angenehmeren Lokalklima. Nome kam nun wirklich näher und ich habe versucht auszurechnen, wann ich in Elim wieder losfahren muß, damit ich gegen 15 Uhr in Nome ankomme. Wieder wollte ich vermeiden mir noch eine ganze Nacht um die Ohren zu schlagen. Lieber in der Mittagshitze bei minus 5° schwitzen als nachts auf dem Schlitten einschlafen. Eine recht simple Rechenaufgabe hat mich hier mindestens eine Stunde beschäftigt. Ich kam immer wieder zu verschiedenen Ergebnissen, zu müde zum Rechnen. Ich habe mir dann per Zufallsprinzip die häufigst vorgekommene Lösung ausgesucht. Elim um 15 Uhr verlassen, um 22 Uhr in White Mountain ankommen, dort 8 Stunden Pflichtpause, d.h. um 6 Uhr morgens dort losfahren und dann hoffentlich um 15 Uhr in Nome ankommen. Rick war doch nicht durch Elim durchgefahren, anscheinend habe nicht nur ich Schwierigkeiten den inneren Schweinehund zu überwinden. Als ich dann um 15 Uhr aus Elim wieder weg bin, war er ca. eine Stunde vor mir gestartet. Der Trail verlief dieses Jahr anders als normal, denn das Küsteneis war hier nicht sicher. Kein Wunder, denn wir konnten das offene Meer unweit vom Ufer sehen. Auf dieser Strecke nach Golovin steht noch einmal ein Berg auf dem Programm, der Little McInley. Bevor wir den hoch sind hat uns der Umweg über noch einen anderen Berg gescheucht. Im Checkpunkt hing ein Zettel der verkündete: 3 to 5 Mile Detour, tough trail. Das war ziemlich präzise. Ohne Jacke bin ich die Berge hoch gejoggt, es war viel zu warm. Die Landschaft war dafür unglaublich schön und in weiter Entfernung konnte ich immer wieder Ricks Gespann sehen. Als es dann Richtung Golovin Bay abwärts ging, wurde es plötzlich richtig windig, von 0 auf 100 in wenigen Sekunden. Der Trail war nur noch eine weiße Schneise im Geröll. Überall wo der Schnee nicht platt gefahren war, war er weg geweht. Hier bläst es wohl immer. Unten auf der Bucht angekommen war der Wind dann so schnell er gekommen war auch wieder weg.
In Golovin müssen wir nicht anhalten, der Trail geht am einen Ende vom Ort rein, am anderen Ende wieder raus, ca. 500 Meter später. Die Hunde hatten plötzlich richtig Dampf, wahrscheinlich wußten sie langsam wo sie sind oder aber haben sich von meiner guten Laune anstecken lassen. Statt zu traben ist die Bande zum Teil in den Galopp gegangen, und ich war dumm genug das zuzulassen. Die Trailmarker stehen hier noch enger als sonst, alle 50 Meter. Bei dem Wetter was ich hatte, sah das lächerlich aus. Einige Musher die hier 2 Tage später durch kommen sollten, konnten den Trail trotzdem nicht finden, so windig wurde es. Ich kam viel früher als erwartet, um 20.48 in White Mountain an, Rick war ca. 20 Minuten vor mir hier.
Meine gute Stimmung sollte auch gleich wieder einen Dämpfer bekommen, denn Polar war der vergangene Lauf zu schnell. Sie hatte sich den Bizips Muskel gezerrt. Ich hätte das wissen sollen, den für Galopp ist sie überhaupt nicht gebaut. Ich hatte mich eh gewundert, daß sie es so weit im Rennen geschafft hatte. Gas hatte schon seit Anfang an im Rennen immer wieder den rechten Hinterlauf etwas angezogen, aber immer nur beim Rasten. Im Quest hatte er das auch gemacht und ich ihn deswegen in 101 gedroppt, was im Nachhinein wahrscheinlich nicht notwendig gewesen wäre. Weder die Tierärzte noch ich konnten etwas finden, und mittlerweile wurde er bestimmt von 50 verschiedenen Ärzten angeschaut. Hier in White Mountain war dann aber die Achillis Sehne geschwollen und so hieß es auch für Gas das Rennen vorzeitig zu beenden. Damit blieben mir nur noch 9 Hunde. Das war das kleinste Gespann, daß ich je in einem 1000 Meiler hatte, sonst immer 11 oder 12. Natürlich hatte ich gleich wieder Panik, mir dann aber eingeredet, daß andere Musher, die vor mir das Rennen beendet haben, mehrere Hundert Meilen mit nur 8 Hunden unterwegs waren. In White Mountain schlafen wir wieder in der Schule, die jedoch recht weit von den Hunden weg ist. Nachdem ich wieder einige Pakete Nudeln erstanden hatte, habe ich mich zum letzten Mal schlafen gelegt, für 5 Stunden. Das tat gut. Was mir neben meinen Armen auch immer mehr Probleme gemacht hat, war mein Rücken. Das kommt vor allem vom ewigen Booties anziehen, so war ich wirklich froh, das ich dieses Mal nur 8 Hunde mit Booties zu versorgen hatte. Franky habe ich nie welche anziehen müssen. So als kleines Zahlenspiel: Ich habe während des Iditarod ca. 1040 Booties angezogen, wenn ich zu jedem 15 Sekunden brauche, sind das 15600 Sekunden. Oder 260 Minuten oder 4 Stunden und 20 Minuten die nur mit Anziehen von Hundeschuhen drauf geht. Count down, noch ein Lauf. Solange alles gut geht, das letzte Mal Booties anziehen. Auch habe ich alles sinnlose Zeug aus dem Schlitten geschmissen, wobei das nicht mehr viel war, denn je länger man unterwegs ist, desto weniger packt man ein.
Um 3.30 hr hieß es aufstehen, eine furchtbare Zeit. Abfahrt war um 4.48 hr. Rick ist mit 10 Hunden ungefähr 20 Minuten vor mir gestartet, Hans war etwa 30 Minuten hinten dran, ich war mir sicher, daß er mich mit seinem 15er Gespann schnell einholen würde. Ich hatte Tang und Herring in Lead, denn im letzten Lauf nach White Moutain hatte ich festgestellt, daß Herring deutlich mehr Geschwindigkeit ins Team bringt als der kleine Marmot. Das sollte auch dieses Mal stimmen, denn relativ schnell konnte ich die Stirnlampe von Rick vor mir sehen. Geil, warum machen wir nicht noch ein Rennen zum Finish? Wieder ist es recht hügelig hier, keine hohen Berge, aber ein dauerndes Auf und Ab. Ohne Jacke bin ich wieder hinter den Hunden die Hänge hoch gesprintet..., naja eher gegangen. Wir hatten leichten Rückenwind. Ich kam immer näher an Rick heran, und er hatte nichts davon gemerkt. Erst war er noch 10 Minuten vorne dran, dann 5, dann nur noch 2. Wir messen das, indem wir auf die Uhr schauen, wenn das vorausfahrende Gespann an einer Landmark wie einer Hütte oder einem Bach vorbeifährt. Plötzlich hatte mich Rick dann entdeckt, und von der Sekunde an ist auch er dann jeden Berg gelaufen. Lustig..., so viel zum Thema in Ruhe nach Nome fahren. Der Abstand wurde weder größer noch kleiner. Leider sollte der Endspurt für mich zu einem vorzeitigen Ende kommen. Herring hatte plötzlich wieder Probleme mit der rechten Schulter. Schöner Mist, also anhalten und massieren. Dabei gleich einen Snack an alle Hunde verteilen, denn mit 9 Stunden ist dieser Lauf etwas lang, um ihn "trocken" zu fahren. Am Ende der Topkok Hills habe ich ihn dann in den Schlitten gesetzt, damit war das Thema Rick noch einzuholen erledigt. Jetzt hatte ich nur noch auf Hans gewartet, der mich aber doch nie eingeholt hatte. Trotz Herring im Schlitten war ich in guter Laune, es waren nur noch ca. 40 Meilen bis Nome es war sonnig und die anderen 8 Hunden schienen von Herrings Gewicht nichts zu merken.
Noch 40 Meilen. Es ist schon komisch was sich bei uns Mushern im Kopf abspielt. Da lagen sie also hinter mir, die 2000 Meilen, auf die ich so lange hin trainiert hatte. Vor 8 Tagen schien Nome in unerreichbarer Entfernung zu liegen und ich wollte das Rennen vorzeitig beenden. Jetzt wo Nome so nah war, wollte ich nicht, daß das Rennen zu Ende geht. Mit diesem Ende kommt auch die Rückkehr ins normale Leben. Und mit dem Normal habe ich ja bekanntlich so meine Probleme.
Eine Frage die ich immer wieder gestellt bekomme ist, warum ich überhaupt die Strapazen eines 1000 Meilen Rennens auf mich nehme. Es gibt verschiedenen Antworten auf diese Frage. Zum einen mag ich die Herausforderung. Zum anderen habe ich während dieser Rennen die Möglichkeit eine intensivere Beziehung zu den Hunden aufzubauen als irgendwo anders. Eine andere Antwort hat mit dem Normal zu tun. Während der Tage im Rennen vergesse ich mein normales Leben komplett. Obwohl ich körperlich sehr müde werde, erholt sich mein Geist ungemein, die Batterie wird wieder aufgeladen.
Die Meilen nach Safety gehen an vielen Sommer Camps vorbei. Dort sind so viele Hütten daß ich mich gefragt habe, ob im Sommer überhaupt jemand noch in Nome wohnt. Das berüchtigte Blow Hole war auch friedlich, wir hatten angenehmen Rückenwind. Kurz vor Safety wollte Herring einfach nicht mehr im Schlitten bleiben, also habe ich ihn wieder ins Gespann gemacht. In Safety wollte ich ihn dann droppen, aber weder ich oder der Tierarzt können an der Schulter noch was finden, und er lief auch sauber. Mit 9 Hunden sollte ich also nach Nome fahren.
Dieses sind die 9 Hunde:
Tang, Libby, Wondar, Finn, Marmot, Jack, Herring, Rat und Franky.
Tang war zu diesem Zeitpunkt alleine in Lead. Auch diesen Winter hat sie mit 9 Jahren alle Rennen für mich gefahren, mehr noch: Von 1998 als Yearling bis jetzt. Ich habe sie nicht einmal droppen müssen, sie hat jedes Rennen gefinished. Ich habe zu Tang eine Verbindung, die sich mit Worten nicht beschreiben läßt. Mir kamen Tränen in die Augen, bei dem Gedanken, daß dieses Ihr letztes Rennen mit mir war.
Fast das gleiche stimmt für Libby und Wondar. 1999 geboren werden auch sie langsam zu alt zum Rennen fahren. Libby ist im Training schlichtweg nutzlos und faul, aber glänzt in jedem Rennen. Die meisten meiner Guides beschweren sich immer darüber, daß Wondar auch nicht zieht, im Rennen ist er jedoch immer 100%. Beides sind Vielfraße, wo ich sogar in den Rennen aufpassen muß, daß sie nicht zu dick werden. Deshalb muß ich sie auch nebeneinander fahren, sonst fressen sie dem anderen Partner alles weg.
Finn ist ein Yearling, den ich eigentlich gar nicht mit auf die Rennen nehmen wollte. Er war immer etwas schüchtern, sollte aber in diesen 11 Tagen zu einem richtigen Hund mit Selbstbewußtsein werden.
Marmot ist 2000 geboren. Das hat mir gerade Brian Mc Dougal sein Erstbesitzer erzählt. Das waren schlechte Nachrichten, denn zuvor habe ich immer geglaubt, daß 2001 sein Geburtsjahr war. Marmot hat sich zu einem sehr soliden Leithund entwickelt, klein aber oho.
Jack ist einer meiner Second Chance League Hunde, die ich direkt vom Tierheim hole. Ich muß zugeben, daß Jack ein Problemhund ist, denn außer mir mag er eigentlich keinen. Gerade wollte draußen mein Handler Jacks Namen wieder an seine Hütte schreiben, aber Jack hat ihn nicht in die Nähe seines Hauses gelassen.
Herring ist ein 70 Pfund Monster, der eigentlich viel zu groß für Langdistanzen ist. Da er aber einen sehr guten Körperbau und geradlinigen Lauf hat, hat er bisher für mich jedes Rennen beendet. Auch er ist leider in 99 geboren und langsam ein altes Eisen.
Franky ist auch ein Tierheim Hund, der kam zusammen mit Jack. Franky ist mehr als scheu. Ich habe ihn nun für 2 Jahre und in diesem Rennen ist er in Shaktoolik zum aller ersten Mal zu mir gekommen und wollte gestreichelt werden, das war einer der schönsten Momente im Rennen. Wie gesagt die Verbindung die wir Musher in diesen 1000 Meilen zu unseren Hunden bekommen ist unbeschreiblich. Franky hat die besten Füße die ich je gesehen habe.
Rat ist wie Finn ein Yearling, der sowohl das Quest als auch das Iditarod gelaufen ist. Mit Tang als Mutter habe ich hohe Hoffnungen für ihn. Seine Geschwister sind zuhause und mental noch nicht ganz so weit entwickelt wie Rat. Er hat unglaublich gute Füße.
Einige Meilen außerhalb von Nome habe ich das Gespann dann angehalten. Wir waren oben auf dem letzten Hügel. Richtung Westen konnte ich Nome sehen, ca. 14 Meilen entfernt. Richtung Osten lag Safety, als ganz kleinen Punkt konnte ich Hans erkennen. Hier habe ich dann noch etwas Zeit mit den Hunden verbracht, jedem für seine Arbeit gedankt und Schmuseeinheiten verteilt. Sobald wir in Nome ankommen, ist es nicht mehr dasselbe, die intensive Zeit mit dem Team ist vorbei. O.K. guys, lets run the last miles to Nome.
In Nome hatte ich ein schönes Willkommen, es war richtig viel los an der Ziellinie. Neben vielen Leuten die ich nicht kannte war Mike Mraz mein Gastgeber da. Laurent Dick mit einigen Freunden sowie einige andere Musher. Ich habe mich sehr gefreut Lance zu sehen, denn zwischen uns wenigen Mushern, die wir beide Rennen fahren herrscht eine enge Verbindung, geflochten durch gemeinsame Erlebnisse, Höhen und Tiefen. So fiel mir auch der Abschied vom Trail leicht, es war geschafft, wir waren wieder in Nome. Schon jetzt war klar ich komme wieder, hoffentlich nächstes Jahr.
Viele Helfer kümmern sich gleich um das Team. Kinder möchten die Booties haben und Journalisten stellen Fragen über den Trail, das Rennen, die Hunde und wollen natürlich immer von irgend welchen besonderen Erlebnissen hören. Im Hundeyard, der gleich hinter der Ziellinie liegt war es sehr windig, nichts neues, aber daher habe ich noch am selben Abend meine Hunde nach Anchorage fliegen lassen. Mein eigener Flug war für Sonntag Abend nach dem Banquet gebucht. Nach einer Dusche und mit neuen Klamotten habe ich dann erst mal einige Stunden geschlafen, bevor ich dann abends durch Nome gezogen bin. Die nächsten Tage sollten sehr schön werden. Mit jedem Musher der ankommt, ertönt die Sirene. Schnell im Internet schauen wer das ist, und dann an die Ziellinie zur Begrüßung gehen. Mit Libby Riddels habe ich etwas die Gegend um Nome herum erkundet, Libby hat hier früher einmal gewohnt. Abends war ich immer zum Essen eingeladen, bei Laurent oder bei Bob oder bei Mike, mehrfach Essen ist für mich ja kein Problem.
Das Iditarod 2006 ist vorbei, schlimmer noch der Winter 2006 ist vorbei. Jetzt wo ich diese Zeilen hier beende, freue ich mich schon wieder auf die nächste Rennsaison. Meine Gedanken sind schon mehr im kommenden Winter, als dem bevorstehenden Sommer. Ich möchte diese Gelegenheit noch nutzen, allen Menschen zu danken, die mir diesen Winter geholfen haben, sei es durch Sponsorship, durch tatkräftige Mithilfe oder mentale Unterstützung. Vielen Dank für die netten e-mails, das Anfeuern und die Glückwünsche, ich freue mich darüber sehr.
Rennresultat
Happy trails
Sab

