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Teil 2: Rohn - Kaltag

Der Lauf nach Nikolai ist mit 70-75 Meilen für Iditarod Verhältnisse recht lang. Die meisten Musher unterteilen diese Strecke in 2 Läufe. Etwa in der Mitte liegt das so genannte Buffalo Camp, ein Trapperzelt mit Holzofen. Von Rohn sind es ca. 35 Meilen (56 Km) dort hin, diese Meilen sind durch den Farewell Burn und die Buffalo Tunnels, ein gefürchtetes Teilstück, weil dort oft kein Schnee liegt und wir meilenweit über Steine, Eis und Gras fahren müssen.

Vom Buffalo Camp, was dieses Jahr sogar bewirtet war, von dem Besitzer und seinem Sohn, sind es weitere ca. 40 Meilen (64 km) bis Nikolai, diese deutlich einfacher und flacher. Wenn man das Buffalo Camp verläßt, steht nach einer Meile ein handgemaltes Holzschild: "last hill till Nikolai, 40 M".

Dieses Jahr hat es unterwegs die gesamte Zeit leicht geschneit, und es lagen ca. 30 cm Schnee. Die Bedingungen waren damit besser als in den meisten Jahren. Mein Plan war die gesamte Stecke in einem Run zu fahren, denn kurze Läufe heißt hohe Geschwindigkeit und für Geschwindigkeit hatte ich zu viele Probleme im Team. Ein langer "March", wie wir das hier nennen, schien mir besser geeignet. Das Team war in einem recht soliden Trab und die ersten 35 Meilen haben genau 4.5 Stunden gedauert, ca. 7.5 Meilen pro Stunden. Die nächsten 40 Meilen sollten jedoch knappe 6 Stunden dauern und so wurde es mit 10hr 20 Minuten ein längerer Lauf als ich eigentlich gehofft hatte. 2 Stunden vor Nikolai haben mich auch Hans Gatt und Jamie Nelson überholt.

Ich war froh in Nikolai anzukommen, wieder $400 verdient, Gedankenspiele... die aber in dem Moment funktioniert haben. Der lange Lauf schien den Hunden sogar eher gut getan zu haben, denn beim Massieren der Gelenke konnte ich eine deutliche Verbesserung feststellen. Auch hatten wir jetzt ca. 260 Meilen (416 km) insgesamt zurückgelegt. Das ist ungefähr die Schallmauer bei den Langdistanz Rennen, die Hunde habe da zwischen drin immer ein "Loch". Man kann das am besten mit einer langen Wanderung bei uns Menschen vergleichen. Am Anfang tut uns auch alles weh, aber nach 3 Tagen haben sich die Muskeln an die Aktivität gewöhnt und es geht leichter. Bei den Hunden ist das nicht anders und über diese Schwelle schien mein Gespann nun hinweg zu kommen. Leider konnte ich hier keinen Tierarzt finden. Es waren sehr viele Gespanne hier, die meisten aber gerade am Abfahren, mir also sehr weit voraus und hatten damit ganz klar bei den Untersuchungen Priorität. Die Dorfbewohner haben uns sehr geholfen und uns nicht nur das Stroh und den Food Drop gebracht, sondern auch heißes Wasser vorbereitet zum Füttern der Hunde. Das ist Luxus und beschleunigt die Zeit, die wir zum Versorgen der Hunde brauchen.

Es ist schon faszinierend. Das gesamte Iditarod basiert auf der Hilfe von Freiwilligen. Menschen die Ihre Dörfer für uns zugänglich machen. Diese Ortschaften sind alle weit jenseits des Straßennetzes und nur per Flugzeug im Winter zu erreichen. Da kommt jeden Winter eine Horde von Mushern und Hunden (ca. 1200 Hunde), die dann noch einen Tross an Journalisten, Tierärzten und Rennorganisatoren mit sich ziehen, lassen Unmengen an Stroh, Hundescheiße und Müll zurück, nur um dann nach wenigen Stunden mehr oder weniger wortlos wieder zu verschwinden. Zum Dank dafür wird uns geholfen, wird die Schule für einige Tage unterbrochen, damit wir dort schlafen können. Es werden uns Essen gekocht für die wir nicht bezahlen müssen. Die Einheimischen werden aber von der Organisation auch nicht bezahlt, sondern das Geld geht aus deren eigenen Tasche.

Die Begeisterung dieser Menschen ist ansteckend und ist ein großer Teil, der mich immer wieder zum Iditarod zurückziehen wird. Ohne das Iditarod würde ich nie die Gelegenheit haben, einen Einblick in diesen Teil der Welt zu bekommen.

Aber genau die angesprochene Schule konnte ich nicht finden, und das obwohl ich schon einmal hier war und der Ort mit 100 Einwohnern auch nicht gerade groß ist. Es war 2 Uhr Nachts und ich mal wieder viel zu müde. Ich bin sinnlos durch Nikolai gelatscht bis mich irgendjemand in die richtige Richtung gewiesen hat. Im Tran hatte ich dann meine Themoskannen im Schlitten liegen gelassen, war aber viel zu ausgelaugt, um noch mal zum Schlitten zurück zu laufen. Ich hatte sowieso zu dem Zeitpunkt keine Ahnung wie ich dort hin zurückkomme. Nach viel zu kurzen 4 Stunden Schlaf, was für Iditarod Standards wiederum lange ist, bin ich wieder zu den Hunden gegangen, die gleich um die Ecke lagen. Wie konnte ich mich dort verlaufen?

Leider konnte ich wieder keinen Tierarzt auftreiben, aber ohne eine Unterschrift im Vet Book dürfen wir den Checkpunkt nicht verlassen. Die Vets arbeiten in Schichten, und ich schien gerade diesen Schichtwechsel zu erwischen. Mit den Untersuchungen läuft das so: Idealerweise findet die sofort nach dem Ankommen im Checkpunkt statt. 2 Ärzte pro Team. Die schauen sich die Hunde schon an, wie sie in den Checkpunkt hinein laufen. Dort können sie sehen, ob jemand humpelt, wie aktiv die Hunde sind und ganz wichtig, welche Farbe der Urin hat. Die meisten Hunde pinkeln gleich nach dem Ankommen: Dunkelgelb oder gar braun nix gut, Hund ist dehydriert. Hellgelbe Pisse ist gut, Wasserhaushalt stimmt.

Nachdem ich das Team geparkt habe und alle Booties ausgezogen sind, startet ein Tierarzt mit der Untersuchung vorne am Gespann, einer hinten. Wenn diese Untersuchung gleich nach dem Ankommen stattfindet, hat das auch den Vorteil, daß ich während der ganzen Pause auch Gelegenheit habe, an eventuellen Problemfällen zu arbeiten. Kurz vor dem Abfahren noch eine Muskelzerrung zu entdecken ist ziemlicher Mist.

In unserem Vetbook, das wir immer dabei haben müssen, werden die Befunde dann eingetragen. Jeder Hund ist dort mit seiner Mikrochip Nummer aufgelistet und auch mit Buchstaben verstehen. 34A war Tang, 34 L war Gas etc., denn die Namen von den Hunden kennen die Ärzte natürlich nicht. Wir können durch einen Checkpunkt ohne Untersuchung durchfahren, aber auch das muß unterschrieben werden. Dann gibt es auch ein Teil Exam, was nur kurz ist. Zufolge der Rennregeln müssen wir mindestens jeden 3 Checkpunkt ein Vollexam haben.

Zum Glück lief mir Vern Starks, der aber gar nicht auf "Schicht" war über den Weg. Da Vern so unglaublich gut ist und viel Erfahrung hat, habe ich ihn dann doch noch mein gesamtes Team untersuchen lassen. Wer weiß welchen Arzt ich im nächsten Checkpunkt erwische. Bei Herring konnte er eine ganz leichte Schwellung im Trizeps Muskel feststellen, was mir selbst wo ich es wußte, nicht möglich war überhaupt zu fühlen. Erfahrung halt. Mit allen 13 Hunden bin ich dann um 8 Uhr, etwas später als geplant, Richtung Mc Grath aufgebrochen. Nach einer Stunde hatte ich dann Durst, aber da fiel mir wieder ein, daß ich meine Thermoskannen vergessen hatte aufzufüllen, das sollten sehr durstige 6 Stunden werden. Normaler Weise trinke ich in 6 Stunden 2 Liter. Neben Schlafmangel ist oft auch zu wenig Trinken ein Faktor, warum Musher im Rennen nicht mehr richtig funktionieren.

Der Lauf nach Mc Grath hat wenig Besonderes und ist auf einer viel befahrenen Skidoo Strecke, mal auf dem Kusko River, mal Überland. Wir hatten ziemlich frischen Seitenwind und der Trail war oft eingeweht. Auf dem Trail standen 10 Meilen vor Mc Grath die ersten Schilder. Iditasport 10 M. Das Iditasport startet vor dem Iditarod und die Iditasportler sind noch verrückter als wir. Die LAUFEN diesen Trail, manche "nur" 300 Meilen bis Mc Grath, die völlig Kranken ganz bis nach Nome, in ca. 24 Tagen. Dagegen sind wir Musher glatt noch normal. Später im Rennen, Nähe Ruby, sollte ich dann auch einige von diesen Iditasportlern die nach Nome latschen, überholen.

Gern hätte ich in Mc Grath meine 24 Stunden Pflichtpause gemacht. Zum einen kam ich hier genau in der Mittagshitze (minus 10°) an, zum anderen war ich am verdursten und obendrein hat Herring leicht auf dem rechten Vorderfuß gehumpelt, eben dieser Trizepsmuskel, der mir in Nikolai entgangen war. Nur leider hatte ich hier nicht genug Zeugs, vor allem nicht genug Massageöl und keine Fleece Decken hingeschickt.

Die 24 Stunden Pause können wir in einem beliebigen Checkpoint machen. Nur muß man vorher auch das so geplant haben und genug Hundefutter und Ausrüstung zu dem jeweiligen Checkpunkt geschickt haben. Mein Plan sah vor, hier ohne anzuhalten durch zu fahren, mein Food Drop Sack hatte zwar das Mindestgewicht von 60 lb, aber vor allem fehlten Massageöl, Fleecedecken und Pferdefleisch.

Es sind von hier nur 18 Meilen bis Takotna. Offiziell 25 Meilen, aber die offiziellen Angaben stimmen eh nie und sind immer übertrieben. Herring wollte ich aber auch nicht droppen. Hier Pause machen und dann nur 2.5 Stunden nach Takotna fahren, um dann dort für 24 Stunden anzuhalten war auch nicht sinnvoll. Bei meinem kurzen Stopp hier hat dann ein Tierarzt bei Spook auch noch ein Problem festgestellt. Spook und Herring sind meine beiden größten Hunde, beide 70 Pfund. Mein erster Gedanke war natürlich gleich wieder, alles scheiße, ich scratche. Dann wiederum: Von hier bis nach Takotna sind das 18 Meilen, das ist so weit, wie von meiner Haustüre zu meinem Walltent am 37 Mile See. Diese Stecke fahren bei mir die Gäste mit schwer beladenem Schlitten und 5 Hunden. Dann werde ich diese Distanz auch mit Herring und Spook im Schlitten nach Takotna fahren können. Wieder Gedankenspiele. Na gut, dann fahre ich nach Takotna, irgendwie werde ich da schon hinkommen. Hingekommen bin ich dann auch, in 2hr 36 Minuten, nur 16 Minuten langsamer als letztes Jahr. Geholfen hatte auch, das zeitgleich mit mir der Bill Pinkham losfuhr und der, obwohl er keine Hunde im Schlitten hatte, auch nicht schneller war. Allerdings bin ich mehr oder weniger auch die gesamte Strecke mitgerannt und war schweißgebadet in Takotna angekommen.

Takotna ist ein 40 Einwohner Dorf welches malerisch am Takotna River liegt. Der Ort lebt im Sommer vom Bergbau, im Winter scheint er FÜR das Iditarod zu leben. Genau das wissen auch die meisten Musher und deshalb machen hier viele Ihre 24 Stunden Pause. Es waren laut Angaben des Checkers ca. 30 Gespanne bereits hier. Ich hatte den gleichen Parkplatz wie letztes Jahr, der auch ganz nah neben dem Haus liegt, in dem ich schlafen konnte, schlafen in einem richtigen Bett.

Zuerst galt es natürlich wieder die Hunde zu versorgen, und ich war hoch erfreut Annette Krilller zu sehen, eine meiner Lieblings­tierärzte, denn genau wie Vern Starks hat Annette richtig Ahnung, vor allem wenn es um Hundemassage geht. Und genau auf dem Gebiet hatte ich ja gerade einige Probleme. Herring sah aber nach den paar Stunden im Schlitten schon wieder ganz gut aus und ich war sehr froh ihn nicht in Mc Grath zurück gelassen zu haben.

Das aller Beste an Takotna ist das Essen. 5 Sterne kann ich dem nur geben. Jan ist die gute Seele, die die Küche mit Hilfe des gesamten Ortes 24 Stunden, besetzt hält. Das Hauptmenu für die Musher war dieses Jahr Steak mit Lobster, Pommes und Salat. Und nur um das noch mal in Erinnerung zu rufen. Das wird hier alles von den Einwohnern freiwillig gemacht und finanziert. Natürlich hatte nach dem Steak auch noch ein Burger Platz und etwas Kuchen ging auch noch. Es gab sogar Diet Coke, was ich ja bekanntlicher Maßen sonst täglich literweise trinke.

Mein Timing für den 24 hr Layover war perfekt. Während dieser Pflichtpause wird auch die Startzeit Differenz verrechnet. Um 16.43 hr angekommen, durfte ich am darauf folgenden Tag um 18.23 weiter fahren. Ideal, eine ganze Nacht Pause und noch einmal Zeit für einen 4 Stunden Mittagsschlaf. Viele andere Musher sind schon früh am nächsten Morgen weitergefahren, so auch Lance Mackey der beim Frühstück zu mir meinte: "Sebastian ich muß Dir eine lustige Geschichte erzählen. Als ich im Quest in Stepping Stone meinen 3. Teller Lasagna gegessen habe, meinten die Gastgeber. Mensch Lance Du hast je einen Riesenappetit, aber noch lange nicht so schlimm wie Sebastian. Als ich jetzt eben mir einen Nachschlag geholt habe hat Jan gemeint, Mensch Lance Du haust ja was zu Essen weg, aber lange noch nicht so schlimm wie Sebastian." Wir konnten uns vor Lachen kaum halten, allerdings hat mir das sehr zu denken geben, ich sollte vielleicht doch meine Eßgewohnheiten etwas zügeln.

Die große Nachricht hier in Takotna war die bevorstehende Kältewelle. Ein Pilot, der gerade vom übernächsten Checkpunkt zurückkam, hat verkündet, daß es dort bereits minus 45 ° sei. Na prima und ich muß genau in die Nacht hinein fahren, und besser noch genau in der Nacht draußen Campen. Vielleicht ist mein Timing nun doch wieder nicht so ideal. So schnell können sich die Stimmungen im Rennen ändern. Es ist konstante Flexibilität gefragt. Mentale Hochs sind unmittelbar von mentalen Tiefs gefolgt, oft nur Minuten auseinander. Mit allen 13 Hunden bin ich wieder aus Takotna losgefahren, die liefen erst nicht so toll und ich mußte das Gespann etwas umstellen, die Partner tauschen, das bringt manchmal frischen Wind. Gleichzeitig habe ich den Hunden, die kurzes Fell haben, Bauchprotektoren und auch noch Hundedecken angezogen. Das hätte ich auch vor der Abfahrt im Checkpunkt machen können. Die Strecke nach Ophir ist wunderschön und geht in die Berge. Auch wieder viel kürzer als angegeben ca. 20 Meilen lang. Der Himmel hat orange, blau und dunkelviolett geleuchtet, ein sicheres Anzeichen das es kalt wird.

In Ophir habe ich dann kurz angehalten und mehr Hundefutter eingeladen. Je kälter desto mehr Fett füttern wir. Je wärmer desto mehr Fleisch oder wenn es ganz warm wird Fisch. Auch habe ich einen halben Ballen Stroh aufgeladen damit die Hunde es beim Campen in der Nacht auch warm haben. Mit Rick Casillo hatte ich vereinbart, nach ca. 3 Stunden aus Ophir weiter zu fahren und dann anzuhalten. Ich hatte gehofft, eine Stelle zu finden, auf der noch Stroh von einem der vorderen Gespanne lag. Alle guten Rastplätze waren aber belegt. Unterwegs kam ich auch an einem riesigen Feuer vorbei. Schon von weiter Entfernung konnte ich einen orangen Feuerball sehen. Das waren Ryan Redington, Peter Bartlett und Brian Mills, denen wohl eindeutig zu kalt war. Nach 4 Stunden, um 1.30 nachts bin ich dann auch "rechts ran" gefahren, leider auf einer Skidoo Spur ohne Stroh. Es ist oft gar nicht so einfach, einen guten Rastplatz zu finden. Idealerweise hat der Wasser, dann braucht man kein Schnee schmelzen. Auch sollte er geschützt sein wenn es windig wird, hier war weit und breit kein Baum zu sehen. Und damit man überhaupt vom Trail weg kommt, sollte dort schon eine Skidoo Spur sein, denn sonst muß man sich durch den Tiefschnee wühlen. Die Skidoo Spur war super. Das haben die hier im Iditarod gut im Griff und die Trailbreaker wissen wo wir meist Pause machen und fahren bewußt einige Spuren in den Tiefschnee. Im Quest können wir von so viel Mitdenken nur träumen.

Es war schlichtweg saukalt. Ein halber Ballen Stroh ist zu wenig für 13 Hunde, wenn die immer paarweise liegen. Also habe ich die in 3 großen Haufen liegen lassen, 4,4,5. Das ging auch gut und alle haben sich schnell auf dem Strohbett eingerollt. Das Schnee Schmelzen hat ewig gedauert und auch viel mehr Alkohol verbraucht als sonst, ich hatte gerade so genug mit. Alle Hunde haben gut gefressen, was sehr wichtig ist. Als Nachschlag zu der Fleisch-Trockenfutter Suppe habe ich allen dann noch ein Stück Schweinespeck gegeben. Bei so kalten Nächten lasse ich die Hundedecken an den Hunden. Die Bauchwärmer muß man ausziehen, damit die Hunde besser pinkeln können. Nachdem die Monster sich dann wieder eingerollt hatten, habe ich über jeden noch eine Fleece Decke gelegt, diese sind doppelt genäht und damit recht dick und etwas schwer, aber warm.

So und was mache ich jetzt? Laufe ich herum um warm zu bleiben, oder traue ich es mich in den Schlafsack zu legen? Todmüde war ich ja, aber es war so kalt wie schon lange nicht mehr. Ich war mir nicht ganz sicher ob mein nun doch 10 Jahre alter Schlafsack diese Nacht hier mitmachen würde. Die Müdigkeit hat dann doch gesiegt und ich bin in den Schlafsack gekrochen. Vor dem Aufstehen hat es mir schon jetzt gegruselt. Unter mir lagen 1 lange Isomatte, ein kurzer Fetzen Isomatte obendrauf genau unter meinem Oberkörper, da drauf meine Hose. Auf meinem Schlafsack liegt mein dicker Parka und über meinem Gesicht ein Hundefleece. Ich bin dann tatsächlich eingeschlafen und habe aber im Halbschlaf immer wieder einige Teams vorbeifahren gehört. Als ich dann wieder aufgewacht bin habe ich am ganzen Körper gezittert und von meinen Füßen war auch nichts mehr zu spüren. Nichts wie aufstehen und warm laufen. Furchtbar... bei minus 45 Grad in die gefrorene Hose und Jacke zu schlüpfen.

Selbst das Booties anziehen bei den Hunden war mir nicht möglich. Ich habe nur hinbekommen den Hunden mit den schlechtesten Füßen die Dinger anzuziehen. Dann mußte ich erst mal wieder eine Meile hinter dem Schlitten herlaufen bis ich den nächsten 2 die Booties angezogen habe. Auf keinen Fall wollte ich Fußprobleme bei den Hunden riskieren, bei dieser Kälte ist der Schnee rau wie Sandpapier. Ohne Booties geht da nix. Die Füße der Hunde waren so gut wie in noch keinem Rennen zuvor. Habe da von Lance Mackey eine Geheimwaffe erfahren, die augenscheinlich gut funktioniert. Bei einer Bootie Pause hat mich dann der Dave Sawatzki überholt und wir sind in Sichtweite von einander nach Cripple gefahren.

Unterwegs ist in einer abrupten Linkskurve ein Baumstamm im Weg gewesen, der sich an meiner Bremse verhakt hat. Sofortiger Stillstand ist das Ergebnis, ich hatte einen Abdruck der Handlebar in der Brust und mir war erst mal die Luft weggeblieben. Keinem der Hunde schien aber etwas passiert zu sein. Als ich den Schneeanker aus einer Halterung holen wollte ging das nicht und ich habe gemerkt daß mein ganzer Schlitten an dieser Stelle auch verbogen war. Dort wo die Zugleine am Schlitten befestigt ist, war das Verbindungsseil (Bridle genannt) an beiden Seiten abgerissen und mein gesamtes Team hing nun nur noch am Schneeanker. Nix gut, aber einfach reparierbar. Im Vergleich zu anderen Mushern sollte ich hier Glück gehabt haben. Einigen war das gesamte Gespann losgerissen, anderen der Schlitten unreparable zerbrochen sein und die mußten sich nach Cripple einen Ersatzschlitten fliegen lassen. Mein Gattschlitten sollte sich mal wieder bewährt haben, wenn jemand einen bestellen will: www.gattsleds.com. Die Flugzeuge wurden auch immer mehr am Himmel vor allem niedriger, ein sicheres Zeichen das der Checkpunkt nah ist. Dieses Teilstück kannte ich noch nicht, denn in geraden Jahren wird die Nordroute gefahren, in ungeraden Jahren die Südroute. In Ophir trennen die sich, in Kaltag am Yukon treffen die beiden Routen sich wieder.

Der Cripple Checkpunkt besteht nur aus Zelten, die speziell für das Rennen aufgebaut werden, sonst ist hier nichts. In den Walltents sind Ölöfen, so daß wir unsere Sachen gut trocknen können. Als Begrüßung stand eine aufblasbare Palme, Hawaii Blumen und ne nette Frau. Alaska Humor..., sehr willkommen an diesem Halbwegespunkt des Rennens.

Mein Timing war nach wie vor gut, ich war nach 5.5hr Laufzeit hier um 12.46 angekommen, und bin um 18 Uhr wieder weiter gefahren. Die Streckenangaben zum nächsten Checkpunkt haben von den offiziellen 112 Meilen, über 80 Meilen bishin zu 65 Meilen variiert, je nach dem wen man gefragt hatte. Einer der Checker hier war Jim Gallea, der selbst das Rennen schon einmal gefahren hatte. Laut ihm waren es von hier 20 Meilen bis nach Poorman. Von dort 5 zur Slana Brücke und dann weitere 40 nach Ruby. Der sollte es wissen. Noch konnte ich mit diesen Angaben keine Orte verbinden, was sich aber in den nächsten Stunden ändern sollte. Poorman war ein verlassenes Dorf was seinem Namen alle Ehre machte, die Slana Brücke wirklich gut zu erkennen und ab dort ist man, kaum zu glauben, auf einer breiten Straße, die vom nichts ins nichts führt. Unterwegs kam mir Matt Hayashida entgegen. Das ist immer kein gutes Zeichen und ich sollte ihn nicht wieder sehen, denn er ist von Cripple aus nach Hause geflogen. Der Traum, die Arbeit eines ganzen Jahres, war damit geplatzt.

Diese Nacht wurde zum Glück nicht so saukalt wie die letzte Nacht. Ab ca. Mitternacht wurde es dann sogar sehr windig und die Temperatur deutlich angenehmer. Es war allerdings nicht einfach einen Parkplatz zu finden, der windgeschützt war. Obwohl ich ungern bergauf Rast mache, denn es ist schwieriger von dort am Morgen zu starten, aber auch schwieriger für vorbeifahrende Gespanne, schien in einer steilen Innenkurve ein geeigneter Platz zu sein. Nach einer halben Stunde hat sich dann auch Ryan Redington zu mir gesellt. Mit einem anderen Musher zu campen macht immer mehr Spaß, noch umso mehr mit Ryan, der viele lustige Geschichten zu erzählen hat. Das sind dann die schönen Momente im Rennen, wo man nachts um 3 Uhr unter Nordlichtern steht und einfach sinnlos über Hunde quatscht. Nach viel zu kurzem Schlaf, hätten wir mal nicht so lange gesabbelt, sind wir dann morgens gemeinsam aufgebrochen. Der Wind sollte immer stärker werden und der Trail immer exponierter, so daß es gut war, daß wir uns beim Trailbrechen abwechseln konnten. Die Schneeverwehungen waren oft knietief, unterwegs haben wir einige Gespanne überholt, die diesen Lauf ohne Pause gemacht haben und demzufolge deutlich langsamer waren. Zum Teil hat mich das hier an den American Summit im Quest erinnert. Es war mir mal wieder nicht bekannt, daß hier ein solcher Berg war.

In Ruby angekommen sollte es mit dem Wind nicht besser werden. Man konnte nichts draußen liegen lassen, sonst war das sofort weg, im wahrsten Sinne des Wortes vom Wind verweht. Die Fleecedecken mußte ich auf den Hunden mit Schneebrocken beschweren. Mein Deckel vom Hundefutter Kocher habe ich einige Hundert Meter weiter gefunden. Eigentlich wollte ich hier 8 Stunden Pause machen. Die Rennregeln schreiben vor, daß wir an einem der Yukon River Checkpunkte mindestens 8 Stunden bleiben müssen. Da es aber für das Team einfach keinen windgeschützten Platz gab, bin ich nach 6 Stunden weiter gefahren. Dieses Mal waren wir in einem 3er Konvoi, Ryan Redington, Mike Jayne und ich.

Oft war vom Musher vor mir nichts zu sehen obwohl der nur 100 Meter weiter vorne war, so sehr hat es geblasen, zum großen Glück als Rückenwind. Mit Einbruch der Dunkelheit wurde es dann ruhiger. Der Yukon ist hier unglaublich breit. Nicht umsonst heißt Yukon River in der Sprache der Einheimischen "Big River", der große Fluß.

Der nächste Checkpunkt heißt Galena und scheint ein recht großer Ort zu sein. Da wir hier um 23.30 ankamen, war außer vielen Lichtern am Ufer nicht viel zu sehen. Galena war der pure Luxus. Die Parkplätze für die Hunde eingezäunt und komplett windgeschützt, etwas was für den Rest des Rennen nicht mehr oft vorkommen sollte. Obendrein gab es richtige Schlafzimmer mit Betten für uns, sowie fließend heiß Wasser für die Hunde und gutes Essen für uns. Bingo, die Entscheidung in Ruby schnell zu verschwinden war richtig. Auch war das Timing nicht schlecht, denn nach 8 Stunden konnten wir hier um 7.30 weiter. 5 Stunden Schlaf, das tat gut.

Am Morgen sind Ryan, Mike und ich wieder gemeinsam gestartet. Sehr zu meiner Freude wurde die Distanz zwischen mir und den beiden anderen Gespannen schnell größer. Dieser Run war der erste seit dem Start, wo die Bande einmal harmonisch und vernünftig lief. Das wurde auch langsam Zeit nach ca. 650 Meilen. Unterwegs habe ich dann Rick Casillo eingeholt. Rick und ich kennen uns gut aus Skgaway, wo wir beide unsere Hunde bei den Sommertouren beschäftigen. Wir haben den letzten Sommer oft am Feuer gesessen und über das Iditarod geträumt sowie Rennpläne geschmiedet. Pläne die nun ganz anders verliefen, aber Träume die wahr wurden. Ich hab schon immer gesagt: Träume sind nur des Träumens wert, wenn sie eines Tages Wirklichkeit werden. Zu diesem Zeitpunkt im Rennen habe ich dann auch meine Denkweise geändert und mich nicht mehr mental von Checkpunkt zu Checkpunkt gehangelt, sondern tatsächlich darüber nachgedacht, wann ich denn wohl in Nome ankommen würde. Wir kamen in Nulato um 13 Uhr an, viel früher als erwartet, aber das war auch gut so, denn es wurde wieder zu warm (minus 5°) über den Nachmittag. In Nulato hatte ich eine Abzweigung verpaßt und mir so erst noch einmal den ganzen Ort angeschaut.

Der Checkpunkt in Nulato war super organisiert, wenn auch wieder etwas windig für die Hunde. Zu Essen gab es hier für uns auch wieder reichlich, das ist mir immer sehr willkommen, mit vollem Bauch schläft es sich viel besser. Nach abgebrochenem Mittagsschlaf ging es um 18 Uhr weiter, ich bin vor den anderen gestartet. Die Hunde liefen wieder gut, der Trail war allerdings nicht so prickelnd und wieder ziemlich verweht. Im Dunkeln konnte ich hinter mir immer wieder eine Headlamp sehen, das war Rick.

Es verging im Rennen kein Tag, an dem wir nicht an einem liegen gebliebenen Motorschlitten vorbeigefahren sind. So auch heute Nacht wieder. Mich würden die Geschichten zu diesen "breakdowns" interessieren, wie es der armen Seele wohl ergangen ist, die hier mitten auf dem Yukon zu Fuß weiter gehen mußte. Mir kamen 2 Motorschlitten entgegen, vielleicht war das die Antwort, niemals alleine fahren. Dank der Skidoo Spur wurde der Trail auch temporär etwas besser. Nach etwas mehr als 5 Stunden kamen wir in Kaltag an. Meine Stimmung war gut, denn der Lauf viel schneller als erwartet, aber mit 34 Meilen auch wieder kürzer als angekündigt. Hier sollten wir den Yukon wieder verlassen und ich kannte ab jetzt auch wieder die Stecke. Wieder konnte ich keinen Parkplatz ohne Wind finden. Wind und Kälte ist ne fiese Kombination. Als ich meinen Hunden dann wie gewohnt das Futter hingestellt habe, sollte meine Stimmung erneut innerhalb von wenigen Minuten auf Null sinken. Nicht ein Hund hat das Futter angerührt. Das kenne ich überhaupt nicht, meine Bande frißt immer super. Es gibt Musher die haben oft Freßprobleme bei den Hunden, aber bei mir gilt da wohl die Grundregel, wie der Herr so`s Gscherr. War der letzte Lauf zu kurz, die Futterabstände zu kurz, nee ich füttern sonst auch immer um Mitternacht. Die Hundehaufen sahen gut aus, kein Dünnschiss. Was war denn nun wieder los? Ich habe mich erst einmal zwei Stunden hingelegt und dann um 3 Uhr noch mal gefüttert, wieder mit dem gleichen Ergebnis. Keiner frißt, gar nicht gut. Im Nachhinein sollte ich hier einen Fehler machen.

Sab

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Aromatherapie und Elchkotsaft
18. Februar 2006
In Dawson
11. Februar 2006
Renntag
7. Februar 2006
Zeit zur Abreise
29. Januar 2006
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29. Januar 2006
Copper Basin 300 (Andy)
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Ein wirklich toller Trainingslauf
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20. Dezember 2005
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Auf dem Weg nach Alaska
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Realisierung eines Traumes (Teil 1)

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